Vertritt ‚Wort und Wissen‘ eine Wissenschaft?

Vertritt ‚Wort und Wissen‘ eine Wissenschaft?

Wort und Wissen contra Wissenschaft

Die Studiengemeinschaft 👉 WORT UND WISSEN (W+W) ist die einflussreichste evangelikale Vereinigung im deutschsprachigen Raum, die sich auf Wissenschaft fokussiert. Sie stellt etablierte naturwissenschaftliche Theorien wie die Urknall- und Evolutionstheorie infrage, vertritt aber zugleich den Anspruch, „mit der wissenschaftlichen Argumentation übliche Qualitätsstandards zu erfüllen“ (WORT UND WISSEN 2008).

Ist dieser Anspruch gerechtfertigt? Gehen die Argumente und weltanschaulichen Überzeugungen, die WORT UND WISSEN vertritt, mit (natur-) wissenschaftlichen Zielsetzungen konform? Um diese Fragen zu klären, müssen wir uns zunächst ansehen, wie W+W mit den Begriffen Naturwissenschaft und Weltanschauung umgeht.

„Weltanschauliche Grenzüberschreitungen“ offenlegen

Von zentraler Bedeutung für das wissenschaftliche Selbstverständnis von W+W ist die Unterscheidung zwischen „objektiven Daten, theoriegeleiteten Interpretationen und weltanschaulichen Vorentscheidungen“ (s. Klappentext des 👉 evolutionskritischen Lehrbuchs).

Mit dieser Terminologie gelingt es W+W einerseits, das empirische Fundament der scheinbar „exakten“ Experimental- bzw. Naturwissenschaften zu akzeptieren und die objektiven Daten (z.B. Experimentalergebnisse) neutral vorzustellen. Andererseits ist sie der Schlüssel, um die theoretischen Erkenntnisse historischer (Evolutions-) Wissenschaft, die WORT UND WISSEN aus weltanschaulichen Gründen nicht in den Kram passen, aus dem Kernverbund der Naturwissenschaften herauszulösen.

Als Rechtfertigungsgrund dient W+W u.a. die 👉 „Nicht-Reproduzierbarkeit von Historischem“, womit aber verschleiert wird, dass auch historische Fakten, wie zum Beispiel der 👉 Urknall oder 👉 DARWINs Abstammungstheorie, empirisch so gut belegt sind, wie es ein beliebiger naturwissenschaftlicher Sachverhalt nur sein kann (siehe vorstehende Links).

Der 👉 Naturalismus, auf dem die historischen Wissenschaften fußen, wird dabei als „Grenzüberschreitung“ bezeichnet und von den empirischen Wissenschaften logisch abgetrennt. Zwar akzeptiert W+W nach eigenem Bekunden „die empirische Methode der Naturwissenschaft“, das heißt einen „methodologischen Naturalismus“ (STEBLER 2017). Diesem zufolge werden Beobachtungen und Experimente angestellt und nach natürlichen Erklärungen für die Vorgänge im Hier und Jetzt gesucht.

Was die naturgeschichtliche Dimension anbelangt, das heißt die „Ursprungstheorien“ historischer Wissenschaft (Kosmologie, Evolutionsbiologie, Geologie usw.), nimmt WORT UND WISSEN den Naturalismus jedoch als Weltanschauung wahr – als Evolutionismus. Entsprechend liegt es in deren Bestreben, „Grenzüberschreitungen in den weltanschaulichen Bereich“ deutlich zu kennzeichnen, „das gilt für [den] Naturalismus (die Natur bringt sich selbst hervor) genauso wie für Schöpfungslehren“ (W+W Info 4/2022).

Generell soll so der Eindruck entstehen, das Szenario einer evolutionären Kosmogonie ließe sich durch alternative (bibelkompatible!) Deutungsmöglichkeiten ersetzen, ohne mit der Methodologie der Naturwissenschaften in Konflikt zu geraten. Doch das ist, wie wir sehen werden, ein schwerwiegender Irrtum. 

Die Rolle des Naturalismus in den Naturwissenschaften…

Zunächst ignoriert W+W geflissentlich, dass es zwar objektive Daten gibt, diese aber nie für sich selbst sprechen, sondern immer theoretisch interpretiert werden müssen. Wie schon POPPER (1984) bemerkt hat, werden empirische Daten erst im Lichte von Theorien beweiskräftig, die wiederum auf bestimmten erkenntnistheoretischen und ontologischen Vorannahmen beruhen.

Zu diesen Vorannahmen zählt die Hypothese, dass es eine subjektunabhängige Wirklichkeit gibt, die wir (in Teilen) rekonstruieren können (ontologischer Realismus). Eine weitere lautet, dass die Vorgänge in dieser Welt, einschließlich Beobachtungen und Experimente, nicht durch Übernatürliches beeinflusst werden (ontologischer Naturalismus).

Würden wir etwa dann, wenn ein Experiment nicht das erwartete Resultat zeigt oder wenn ein Naturprozess (z.B. das 👉 Wetter) aufgrund von Ursachenvielfalt und der Komplexität der Randbedingungen nicht exakt vorhersagbar bzw. nicht wiederholbar ist, übernatürliche Beeinflussung in Betracht ziehen, 👉 verlören sämtliche Daten ihren Status als Belege.

MAHNER (2007) verdeutlicht dies anhand eines Beispiels: Gingen Biologen nicht strikt davon aus, dass Gärhefen in einer Nährlösung nur deshalb kein Kohlendioxid produzieren, weil sie abgestorben sind, sondern zögen in Erwägung, dass eine transnaturale Entität das Kohlendioxid hat verschwinden lassen, könnten sie nicht vernünftig Biologie betreiben.  

Analog gilt: Unter der Annahme, dass „Gott“ chemische Bindungen lockert und knüpft, wären Experimente, die bestimmte reaktionskinetische Modelle überprüfen sollen, von vornherein sinnlos. Die Experimente könnten Beliebiges zutage fördern – alles ließe sich problemlos mit einer einzigen Ursache („Gottes Handeln“) erklären. Etwas kausal Unspezifisches, das problemlos alles erklärt, erklärt in Wahrheit gar nichts (MAHNER 2018).

…und in der „Ursprungsforschung“

Was die Experimentalwissenschaften anbelangt, scheint W+W unseren logisch-methodologischen Überlegungen zuzustimmen, sonst könnte sie die „empirische Methode der Naturwissenschaft“ nicht sinnvoll anwenden. Doch an diesen Überlegungen ändert sich nichts, wenn wir die Experimentalwissenschaften verlassen und uns 👉 der Rekonstruktion der Naturgeschichte zuwenden, also dem, was W+W als „Ursprungsforschung“ deklariert.

Anders formuliert: Der Naturalismus erfüllt in den „Ursprungstheorien“ exakt den gleichen (methodologischen!) Zweck wie in den vermeintlich „exakten“ Naturwissenschaften und ist deshalb gerade keine weltanschauliche Vorentscheidung oder Grenzüberschreitung:

  • Er bildet das ontologische Fundament, welches zum rationalen Begreifen und Erforschen der Vorgänge in der Welt erforderlich ist.
  • Er ist eine methodologische Grundvoraussetzung für Prüfbarkeit und Erklärungskraft: Nur das, was sich auf natürliche Mechanismen zurückführen lässt, die sich prinzipiell erforschen lassen, hat Erklärungskraft.

Übrigens: Auch menschliches Handeln („innerweltliches Design“) fällt in diese Kategorie, ist doch der Mensch Teil der Natur, seine Handlungen, Möglichkeiten und Grenzen sind erforschbar. Das unterscheidet respektable „Design-Wissenschaft“ wie die Archäologie vom sogenannten 👉Design-Argument, welches WORT UND WISSEN propagiert.

Beispiel: „Intelligent Design“ in der Archäologie 

Nehmen wir an, wir fänden Schlagspuren an überdimensionalen Steinblöcken aus dem Pleistozän, die Kräfte erforderten, die Menschen mit ihren Techniken niemals schaffen. In diesem Fall lieferte menschliches Design keine vernünftige Erklärung. Inwieweit menschliches Handeln infrage käme, lässt sich experimentell-archäologisch klären. Analoges gilt für evolutionäre Modelle: Unter Rückgriff auf genetische, entwicklungsbiologische, ökologische und selektionstheoretische Sachverhalte erklären sie bestimmte Aspekte des Lebens mehr oder weniger gut. Anderes wiederum erklären sie nicht – oder zumindest nicht ohne weiteres.

Wissenschaften wie die Archäologie, die in bestimmten Merkmalen von Steinen das Ergebnis von Design erkennt, verweisen auf empirisch nachgewiesene Urheber. Sie spezifizieren deren Wirkmechanismen und überprüfen sie experimentell (hier: experimentelles Schlagen neolithischer Pfeilspitzen). So liefern die Archäologen echte, kausale Erklärungen. Das intelligente Design von W+W leistet das nicht.

Der springende Punkt dabei: Aus den Experimenten und Beobachtungen werden Modelle und Theorien generiert, die ihrerseits Vorhersagen erlauben, z.B. was Merkmalsverteilungen oder die Eigenschaften von Zwischenformen anbelangt. Und genau anhand dieser Vorhersagen lassen sich diese Theorien und Modelle überprüfen.

Hingegen lassen sich Modelle, die auf unbekannte Schöpfer Bezug nehmen, über deren Modus operandi sich nach Belieben spekulieren lässt, ohne Weiteres zur „Erklärung“ von allem heranziehen. Da sie keine spezifischen Erklärungen liefern, kann sich das Wirken oder Eingreifen eines Schöpfers nie als richtig oder falsch erweisen.

Fazit: Die Evolutionstheorie hat eine wissenschaftliche Dimension, Schöpfungsszenarien, die sich auf Naturprozesse jenseits bekannter, menschlicher Handlungsakte beziehen, haben keine.

Das Design-Argument, wonach bestimmte Eigenschaften von Lebewesen, wie etwa „nicht-reduzierbar komplexe“ Systeme, auf einen Schöpfer hindeuten, befreit W+W nicht aus dem Dilemma. Da in der Natur (außerhalb menschlicher Artefakte) schöpferische Eingriffe nicht ersichtlich sind, funktioniert wie bei der Evolutionstheorie eine Prüfung nur indirekt über den „Umweg“ einer ausgearbeiteten Theorie. Das heißt, um den Design-Ansatz in der Natur glaubhaft zu machen, benötigte man

… genau wie die Evolutionstheorie spezifische mechanismische Erklärungen als konkrete Modelle, die zeigen, welcher Designer auf welche Weise irreduzibel komplexe Organe geplant und ins Leben gerufen hat.… Damit kann man aber auch prüfen, ob dem Verweis auf einen Designer überhaupt eine mögliche Erklärungskraft zukommen kann, d. h., ob ID überhaupt in der Lage ist, ein alternatives Erklärungsparadigma anzubieten (MAHNER 2018, S. 122).

Zwischen Ideologie und Wissenschaftsfeindlichkeit

Was W+W ebenfalls gern verschweigt: Die Akzeptanz kreationistischer Kerninhalte (oder um in deren Worten zu sprechen: eine Interpretation wissenschaftlicher Erkenntnisse „im biblischen Bezug“) beträfe nicht nur die Evolutionswissenschaften, sondern faktisch alle Naturwissenschaften, vor allem diejenigen, die mit der Evolutionsbiologie eng verwoben sind.

So wäre nicht nur die Evolutionsbiologie völlig falsch, sondern auch all jene Theorien, die sie stützen. Dazu zählen neben den etablierten Theorien und Erkenntnissen der Anthropologie, Paläontologie und Geowissenschaften auch die der Kosmologie (vor allem die Urknalltheorie), der Planetologie sowie die physikalischen und biochemischen Theorien der Selbstorganisation und Autopoiesis.

Auch elementare physikalische Grundeinsichten, wie der radioaktive Zerfall oder unsere Vorstellungen über die Kernfusion im Inneren von Sternen, wären fragwürdig. Schließlich sind diese nicht nur Teil der Vorstellung von einer sich allmählich entfaltenden, natürlichen Kosmogonie, sondern untermauern auch die enormen Zeiträume und Entfernungen, in denen sich die großen Entwicklungen abspielen.

Wort und Wissen contra Wissenschaft
Schematische Darstellung des Theoriensystems der Naturwissenschaften. Die Pfeile zeigen, welche Theorien und Disziplinen auf welches Hintergrundwissen aus benachbarten Forschungsbereichen zurückgreifen. Das heißt, die verschiedenen Theorien stehen untereinander in einem wechselseitigen Verhältnis der Erhellung. Folglich hätte die Substitution einer Theorie durch ein Schöpfungsszenario, wie es W+W vorschwebt, die Auflösung des größten Teils des Theoriennetzwerks zur Folge. Schöpfungsszenarien stehen mit keiner anderen Theorie in einem Verhältnis fruchtbarer Rückkopplung; sie sind ein Fremdkörper in den Naturwissenschaften. Zeichnung in Anlehnung an MAHNER (1990).

Nach den Vorstellungen von W+W bliebe vom eng verflochtenen, in sich konsistenten Theoriennetzwerk der Naturwissenschaften also kaum mehr übrig als ein Torso zum Beschreiben und Herumexperimentieren. Daher dürfte klar sein, dass eine „empirische Methode“, die mit den Ideen von WORT UND WISSEN verträglich ist, nicht mit Wissenschaft konformgehen kann.

Beispiel Astrophysik

Mittlerweile lassen sich die Entfernungen im Weltall recht präzis bestimmen. Wir beobachten Sternexplosionen (Supernovae) in Millionen von Lichtjahren Abstand. Wie sollen derart lange Lichtlaufzeiten sowie Supernovae mit einem Weltalter von 10.000 Jahren vereinbar sein, wie es der Kreationismus annimmt? Dazu muss der Kreationist elementare kernphysikalische (stellare) Prozesse leugnen und die Lichtgeschwindigkeit um Größenordnungen erhöhen. Einige Kreationisten nehmen gar an, das Sternenlicht, welches wir heute sehen, sei zeitgleich mit den Sternen geschaffen worden. Folglich würden wir Supernovae beobachten, die nie passiert sind!

Die Supernova SN 1987A ereignete sich in der Großen Magellanschen Wolke. Im „biblischen Bezug“ ist dieses Phänomen völlig unverständlich: Wie soll ein Stern unter kernphysikalischen Gesichtspunkten bereits nach wenigen Tausend Jahren ausgebrannt sein und in der kurzen Zeit Information aus 170.000 Lichtjahren Entfernung übertragen haben? © NASA/ESA, and R. Kirshner (Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics), A String of ‚Cosmic Pearls‘ Surrounds an Exploding Star, CC BY 4.0.

Anstatt also die Grundannahmen des kreationistischen Ansatzes zu überdenken, werden ad hoc „Lösungsansätze“ konstruiert, die eine Flut neuer Probleme erzeugen. So erfordert jeder Versuch, einen „jungen Kosmos“ mit den Erkenntnissen der Physik in Einklang zu bringen, immer absurdere Hilfskonstruktionen, die in einer Leugnung elementarster physikalischer Sachverhalte münden.

Analoges gilt für die Bestimmung des Alters der Sterne über die thermonukleare Physik. Die Zeiträume, die man dabei ermittelt, sind für den Kreationismus ebenso schwer verdaulich wie die meisten 👉 radiometrische Datierungen: Als Resultat findet man, dass die ältesten Sternhaufen zwischen 10 und 14 Milliarden Jahre alt sind. Ginge man mit W+W davon aus, Gott habe sie vor wenigen Jahrtausenden erschaffen, würden alle empirischen Daten und nuklearphysikalischen Modelle vollkommen bedeutungslos.

In diesem Fall würde sich das gesamte Theoriennetz der etablierten Naturwissenschaften – und mit ihm das rationale Begreifen der Welt – verflüchtigen. Dann wären

die gesamten in sich kohärenten, theoretisch verstehbaren Entwicklungsabläufe im Kosmos… dieselbe Illusion wie das Alter der Sternhaufen (HEMMINGER 1988, S. 26).

Inhaltliche Vorfestlegung statt Ergebnisoffenheit

W+W verändert also erheblich die Methodologie der Naturwissenschaften, da sie nicht uneingeschränkt ergebnisoffen ist. Vielmehr verweist sie auf biblisches „A-priori-Wissen“, auf dessen Wahrheitsgehalt sie sich bereits festgelegt hat. In deren Verständnis gilt eben, wie KANITSCHEIDER (1999, S. 81) in Bezug auf die „Heiligen Texte“ feststellt,

immer noch das Prinzip der Unfehlbarkeit: Die Schrift kann nicht irren…. Und niemand hat das Recht, den Zusammenhang zwischen der supernaturalen Macht und denen, die die heiligen Texte aufgeschrieben haben, in Frage zu stellen – eine Situation, die in der Wissenschaft nicht existiert… Jeder Satz, jeder Beobachtungssatz in der Wissenschaft kann als falsch erkannt werden. Das gibt es in den Religionen nicht. Hier gilt das Prinzip der Offenbarung.

Die Studiengemeinschaft kontert diesen Einwand mit folgenden Worten:

1. Was aufgrund biblischer Offenbarung geglaubt wird, wird nicht mit dem Anspruch verteidigt, es handle sich um Ergebnisse der Naturwissenschaft. 2. Es wird von W+W ausdrücklich eingeräumt, dass es nicht gelungen ist, naturwissenschaftliche Befunde mit einer biblisch abgeleiteten kurzen Erd- und Kosmosgeschichte in Einklang zu bringen. Genau dieses Eingeständnis zeigt, dass widersprechende naturwissenschaftliche Daten ernst genommen werden und dass es hinsichtlich der Berücksichtigung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse eben keine Vorfestlegung gibt. Neukamms Behauptungen, man sei nur ergebnisoffen, solange die eigenen Kernthesen unberührt blieben… erweisen sich als falsch und unbegründet. (WORT UND WISSEN 2014)

Ergebnisoffenheit bedeutet in der Wissenschaft aber nicht primär, formal Daten „ernst zu nehmen“, die eine bestimmte Weltsicht infrage stellen. Vielmehr geht sie einher mit der Forderung, ihr widerlegendes Moment zu akzeptieren und die unplausible Weltsicht aufzugeben! So und nicht anders funktioniert Wissenschaft. Die sakrosankten „Offenbarungstexte“ hindern W+W an diesem Schritt.

Schlimmer noch: W+W präsentiert selektiv Befunde, die bei isolierter Betrachtung mit der biblischen Schöpfungslehre vereinbar sein könnten (etwa 👉 Proteinfragmente in Dinosaurier-Knochen oder die 👉 Eolithen aus dem Tertiär so, als lasse sich damit die wohletablierte wissenschaftliche Sicht auf die Kosmos- und Erdgeschichte „begründet in Frage“ stellen. Die Behauptung, W+W sei ergebnisoffen, ist daher nicht mehr als ein spitzfindiges Verwirrspiel.

Problematische Selbstdarstellung

Dass die W+W-Agenda mit wissenschaftlichen Zielsetzungen nicht kompatibel ist, lässt sich auch an ihrer Selbstdarstellung zeigen. Greifen wir dazu die folgenden vier Punkte heraus (die folgende Zitate entstammen WORT UND WISSEN 2008):

  1. W+W vertritt eine biblische Schöpfungslehre.
  2. „Die Erkenntnismöglichkeiten mit Hilfe der wissenschaftlichen Methodik sollen jedoch nach allen Regeln der Wissenschaftskunst ausgelotet werden.“
    „Wir stellen an uns selbst den Anspruch, mit der wissenschaftlichen Argumentation übliche Qualitätsstandards zu erfüllen, und wollen uns daran messen lassen.“
  3. „… Ablehnung der Lehre von der Evolution als naturalistisch-ungesteuerter Vorgang“, sowie Ablehnung der „Lehre von einer wie auch immer gesteuerten Evolution…, weil dem nach unserer Überzeugung eine Reihe gewichtiger theologischer Argumente entgegenstehen.“
  4. „Die Berechtigung für theologische Evolutionskritik hängt nicht davon ab, wie gut Evolutionslehren naturwissenschaftlich begründet sind.“

Stellen wir uns nun folgendes hypothetische Szenario vor: Nehmen wir an, eines Tages wäre der gesamte Evolutionsprozess durchgehend auf allen Ebenen als ungesteuert und natürlich bewiesen worden (was faktisch unmöglich ist). In dem Fall träte automatisch Punkt 4.) in Kraft und alles wäre hinfällig. Problematisch ist auch Punkt 3.), denn wenn Evolution sowohl als ungesteuerter als auch als gesteuerter Vorgang abgelehnt wird, wird unabhängig von der Beweislage eine umfassende Evolutionshistorie in jedweder Form abgelehnt.

WORT UND WISSEN vertritt also Faktenaussagen der Wissenschaft, Belege und erkenntnistheoretische Prinzipien nur, wenn sie zugunsten von Punkt 1.) interpretierbar und mit den Punkten 3.) und 4.) vereinbar sind. Dies macht den in Punkt 2.) vertretenen wissenschaftlichen Anspruch obsolet. 

Fazit

Das Schöpfungsparadigma von WORT UND WISSEN harmoniert nicht mit Wissenschaft, da es zum einen das essenzielle Kriterium der externen Konsistenz (VOLLMER 1995), wonach jede Hypothese bzw. Theorie mit dem Großteil des als etabliert geltenden Hintergrundwissens kompatibel sein muss, klar verfehlt. Zum anderen unterminiert die W+W-Agenda die wissenschaftliche Forderung, dass die freie Suche nach Wahrheit nicht durch Anerkennung von Dogmen oder Autoritäten beeinträchtigt werden darf (MAHNER 2007, S. 525).

Ferner ist der Design-Ansatz, den W+W vertritt, nicht empirisch überprüfbar, da er weder Handlungsweisen noch -Grenzen (Mechanismen) der mutmaßlichen Urheber spezifiziert. Da der oder die mutmaßlichen Schöpfer selbst völlig unbekannt und unerforschlich sind, bleibt jede Annahme über das Wesen von „Design-Indizien“ jenseits bekannter, menschlicher Handlungsakte spekulativ. Mit einem solchen Ansatz lässt sich alles und somit gar nichts erklären. Erkenntnistheoretisch hat er denselben Stellenwert wie Magie oder eine Entelechie.

Literatur

HEMMINGER, H. (1988) Kreationismus zwischen Schöpfungsglaube und Naturwissenschaft. EZW Orientierungen und Berichte Nr. 16, Stuttgart.

KANITSCHEIDER, B. (1999) Es hat keinen Sinn, die Grenzen zu verwischen. Spektrum der Wissenschaften 11, 80-83.

MAHNER, M. (1990) Wissenschaftlicher Kreationismus: eine Pseudowissenschaft mit religiösem Hintergrund. Skeptiker 3, 15–20. 

MAHNER, M. (2007) Demarcating science from non-science. In: KUIPERS, T.A.F. (Hg.) Handbook of the philosophy of science, vol. 1: General philosophy of science – focal issues, Amsterdam, 515–575.

MAHNER, M. (2018) Naturalismus. Die Metaphysik der Wissenschaft. Alibri-Verlag, Aschaffenburg.

POPPER, K. (1984) Logik der Forschung. 8. Auflage. Verlag J. C. B Mohr (Paul Siebeck), Tübingen. 

STEBLER, A. (2017) „Evolution verstehen“ – eine kritische Studie. https://www.wort-und-wissen.org/artikel/evolution-verstehen-eine-kritische-studie/. Stand: 01.03.2017. Zugr. a. 21.05.2024.

VOLLMER, G. (1995) Biophilosophie. Reclam-Verlag, Leipzig.

WORT UND WISSEN (2008) Kurzcharakterisierung wichtiger Ursprungslehren. Die Position der Studiengemeinschaft Wort und Wissen. https://www.wort-und-wissen.org/disk/4-05/. Stand: 21.02.2008. Zugr. a. 03.04.2024.

WORT UND WISSEN (2014) Wissenschaft in einer geschaffenen Welt. https://www.ezw-berlin.de/publikationen/artikel/wissenschaft-in-einer-geschaffenen-welt/. Zugr. a. 21.05.2024.

WORT UND WISSEN Info (4/2022) Stebler, Alex (2022) Die Glaubenssätze im modernen Biologieunterricht. https://www.wort-und-wissen.org/info/wort-und-wissen-info-4-2022/. Zugr. a. 22.05.2024.

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Was bedeutet Evolution?

Was bedeutet Evolution?

Was bedeutet Evolution?

Das Wort Evolution stammt aus dem Lateinischen (von evolvere), was so viel bedeutet wie entwickeln oder ausrollen. Seine etymologischen Wurzeln liegen im 17. Jahrhundert, als es noch keine Evolutionstheorie gab. Somit hatte der Begriff eine andere Bedeutung als heute.

Evolution als Wachstumsprozess

Hartsoekers Darstellung der Präformation (1694). Der Embryo ist im Spermium bereits präformiert und bildet sich durch Ausstülpung: er „evolviert“.

Im 17. und 18. Jahrhundert, war die so genannte Präformationslehre weit verbreitet. Dieser entwicklungsbiologischen Theorie zufolge, die erstmals bei dem griechischen Philosophen Anaxagoras Erwähnung findet, sollen alle Merkmale der Organismen seit Anbeginn der Zeit im Ei oder im Spermium vorgebildet (präformiert) gewesen sein.

In den Abbildungen des niederländischen Gelehrten Nicolas HARTSOEKER (1656–1725) enthalten die Köpfe der Spermien kleine Menschenkörper (sogenannte „Homunculi“), deren Organe sich während der Schwangerschaft nur noch auszurollen (zu „ent-wickeln“) brauchten. Darüber hinaus bestand kein Zweifel daran, dass die biologischen Arten unveränderlich seien und in ihrer heutigen Form vor wenigen Jahrtausenden von Gott geschaffen wurden.

Bis ins 19. Jahrhundert war die „Evolutionslehre“ also mit der (längst überholten) Präformationslehre identisch, wobei sich die „Evolution“ auf die Individualentwicklung als reinen Wachstumsprozess bezog.

Evolution als Prozess der Entstehung neuer Arten

Nachdem DARWINs Hauptwerk On the origin of species (1859) erschienen war, übertrug Herbert SPENCER (1864) den Begriff Evolution auf die allmähliche Veränderung und stammesgeschichtliche Entwicklung der Arten im Lauf der Erdgeschichte. Es dauerte allerdings rund 40 Jahre, bis sich diese Begriffsverwendung allgemein durchgesetze.

Im Fachjargon wird die Entwicklung neuer Arten und Verwandtschaftsgruppen auch als Phylogenese bezeichnet (griechisch génesis: Entstehung, Geburt und phýlon: Stamm). Im Gegensatz dazu steht das Wort Ontogenese (griechisch on: das Seiende) für die Individual- bzw. Keimes-Entwicklung.

Übrigens benutzte DARWIN das Wort „Evolution“ in den ersten fünf Auflagen seines Hauptwerks kein einziges Mal. Er verwendete es erst in dem 1871 erschienenen Buch The decent of man, and selection in relation to sex. Stattdessen gebrauchte er  Ausdrücke wie „descent with modification“ (Abstammung mit Veränderung) oder schlicht „modification“.

Evolution als universaler Prozess

Modell der universalen Evolution

Heute findet der Evolutions-Begriff nicht nur in der Biologie, sondern in allen Wissenschaften Anwendung, die sich mit historischen Entwicklungsprozessen beschäftigen. So sprechen wir von kosmischer, galaktischer, stellarer, chemischer, molekularer, biologischer, psychosozialer, kultureller Evolution usw. 

In diesem weiteren Sinn sind alle materiellen (veränderlichen) Systeme das Ergebnis von Evolution. So begann das Universum seine Existenz mit einem weitgehend unstrukturierten „Quark-Gluon-Plasma“, aus dem sich nach und nach die Bausteine der Materie und danach immer komplexere Systeme herausgeschält haben.

Interdisziplinäre Bedeutung

Der interdisziplinäre Evolutionsbegriff bezieht sich auf die Entstehung von qualitativ Neuem, zunehmend Komplexem, bedingt durch das fortwährende Wechselspiel von Zufall und Notwendigkeit. In diesem Sinn lässt sich Evolution als diachrone Emergenz auffassen.

Diachrone Emergenz meint die erstmalige, naturgeschichtliche Entstehung von Systemen mit neuartigen Eigenschaften. Natürlich sind deren Mechanismen vielschichtig. So gab es in der Geschichte des Kosmos verschiedene Sternpopulationen, die in Jahrmilliarden der Entwicklung schwere Elemente hervorbrachten. In nachfolgenden Sterngenerationen entstanden aus den schweren Elementen Planetensysteme und eine komplexe Chemie, die unter günstigen Voraussetzungen zur Entstehung von Leben führt.

Der Evolutionsgedanke bildet also nicht nur ein alle Teildisziplinen vereinheitlichendes Fundament der Biologie, sondern das zentrale Element aller Wissenschaften mit historischer Komponente. Ja, er ist für sie geradezu konstituierend: Nur er beinhaltet die Möglichkeit, das heute Existierende aus dem Vergangenen zu erklären, ohne auf obskure Faktoren wie Schöpfer, Teleologie, Entelechie und Finalität zurückgreifen zu müssen (VOLLMER 2014, S. 14).

Quellen

JAHN, I., LÖTHER, R. & SENGLAUB, K. (1982) Geschichte der Biologie. Theorien, Methoden, Institutionen und Kurzbiographien. VEB – Gustav Fischer Verlag, Jena, 210ff.

SALWINI-PLAWEN, L. (2007) Zur Geschichte der biologischen Theorie der Evolution. Denisia 20, 7-22.

SPENCER, H. (1864) The principles of biology, Vol 1. Williams and Norgate, London.

VOLLMER, G. (2014) Zur Tragweite des Evolutionsgedankens in der Wissenschaften und in der Philosophie. In: NEUKAMM, M. (Hg.) Darwin Heute. Evolution als Leitbild in den modernen Wissenschaften (pp. 13-50). WBG, Darmstadt.

Evolution - Theorie oder Tatsache?

Ist die Evolution eine Theorie oder eine Tatsache?

Das kommt darauf an, was man unter Theorien und Tatsachen versteht: Alltagssprachlich setzen wir eine Theorie oft mit einer (vagen) Vermutung gleich, die im Gegensatz zu den vermeintlich „unumstößlichen Tatsachen“ stehe. So hören wir einen Rechtsanwalt sagen, die Klageschrift gegen seinen Mandanten beruhe nicht auf Tatsachen, sondern bloß auf einer Theorie der Staatsanwaltschaft. Niemand könne belegen, dass er das unterstellte Delikt begangen habe. Auch die Auffassung, die Stammesgeschichte sei keine Tatsache, sondern eine unbewiesene Theorie oder, schlimmer noch, nur eine Hypothese, genießt in Laienkreisen eine gewisse Popularität. Daher überrascht es nicht, wenn Biologen den Einwand kontern, indem sie behaupten, Evolution sei keine Theorie mehr, sondern bereits eine gefestigte Tatsache.

Diese Art der Gegenüberstellung von Theorie und Tatsache ist jedoch inadäquat; Theorien sind nach VOLLMER (1985, S. 273) nämlich „in kognitiver Hinsicht das Beste, was wir in den empirischen Wissenschaften überhaupt haben können“. Man denke nur an EINSTEINs Allgemeine Relativitätstheorie; sie beschreibt und erklärt die Auswirkungen der Gravitation im Kosmos. In den letzten hundert Jahren überprüften sie Wissenschaftler unzählige Male, all die theoretischen Vorhersagen sind bislang glänzend bestätigt worden. Erst vor wenigen Jahren konnten Astronomen auch die von der Theorie vorhergesagten Gravitationswellen nachweisen. Das heißt, ihre Erklärungskraft ist so profund, dass wir sie als wohlbestätigt bezeichnen können.

Entgegen der landläufigen Meinung sind Theorien also keine vagen Vermutungen, sondern logische Aussagen-Systeme, mit deren Hilfe die Wissenschaften bestimmte Gegenstände, Prozesse oder historische Begebenheiten beschreiben und erklären (MAHNER 2000). Tatsachen (bzw. Sachverhalte) wiederum sind das, was die Theorien beschreiben und erklären. Die Allgemeine Relativitätstheorie ist keine Tatsache, sondern repräsentiert Tatsachen, die mit Gravitation zu tun haben, die gekrümmte Raum-Zeit beispielsweise.

Nicht anders ist es um die Evolutionstheorie bestellt. Sie kann so gut bestätigt sein wie sie will, sie wird dadurch nie zur Tatsache selber, sondern ist und bleibt eine Theorie zur Beschreibung und Erklärung der (historischen) Tatsache Evolution und ihrer Faktoren. Der Ausdruck Hypothese sagt nach wissenschaftstheoretischer Standard-Definition ebenfalls nichts über ihren Bestätigungsgrad aus. Hypothesen sind nicht besonders spekulative Theorien, wie oft geglaubt wird, sondern schlicht wissenschaftliche Einzel-Aussagen.

Die Aussage „Der Schimpanse ist der nächste lebende Verwandte des Menschen“ stellt eine solche (Verwandtschafts-) Hypothese dar. Sie bleibt immer eine Hypothese, obwohl die Fachwelt heute 👉 keine berechtigten Zweifel mehr an ihrer Faktizität gelten lässt.

Hypothesen und Theorien werden also klar voneinander unterschieden, und zwar anhand ihrer logischen Struktur:

„Eine Theorie ist nicht etwa eine einzelne Hypothese, sondern ein System logisch miteinander in Beziehung stehender Aussagen (Hypothesen), das einen bestimmten Gegenstandbereich beschreibt bzw. erklärt. Ein solches Aussagensystem besteht aus einer Menge von Grundaussagen und aus einer (prinzipiell unendlichen) Menge von Aussagen, die logisch aus den Grundaussagen folgen.“ (MAHNER 2000)

Auch der Begriff „Tatsache“ sagt nichts über den Grad der Sicherheit, mit dem der Sachverhalt als erwiesen gilt. So gibt es offensichtliche Tatsachen wie das Wirken der Schwerkraft, hypothetische Tatsachen wie Schwarze Löcher, illusionäre Tatsachen wie die „Wanderung“ der Sonne über die Himmelskuppel, falsche Tatsachen wie den Weltäther, und fiktionale Tatsachen wie den Bahnsteig 9¾ oder die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. 

Quellen

MAHNER, M. (2000) NR Stichwort Theorie. Naturwissenschaftliche Rundschau 53, S. 157-158.

VOLLMER, G. (1985) Was können wir wissen? Bd. 1 die Natur der Erkenntnis. Hirzel-Verlag, Stuttgart.

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