Der erstaunliche Hebelmechanismus des Wiesensalbeis
Evolution „nichtreduzierbar komplexer Systeme“
von REGINE CLAßEN-BOCKHOFF & MARTIN NEUKAMM
Erschienen in: Biologie in unserer Zeit 2/2026 (56)
Fast 20 Prozent der deutschen Bevölkerung zweifeln an der Evolutionstheorie, darunter 16 Prozent der Lehramtsstudierenden und 7 Prozent der angehenden Biologielehrer und -lehrerinnen. Die Zurückweisung der Evolutionstheorie erfolgt im Wesentlichen aufgrund religiöser Überzeugungen, wird aber mit scheinbar wissenschaftlichen Argumenten begründet.
Die Evolutionsgegner fassen zum Beispiel gern biologische Systeme ins Auge, deren Komponenten so miteinander wechselwirken, dass sie gemeinsam eine neue biologische Funktion ausüben. Lässt sich die Komplexität des Systems an keiner Stelle vereinfachen, ohne dass es seine Funktion einbüßt, sprechen sie von „nichtreduzierbar komplexen Systemen“. Solche würden nicht auf Evolution, sondern auf ein intelligentes „Design“ hindeuten.
Gern zitierte Beispiele für „nichtreduzierbare“ Komplexität sind Blüten mit besonderen Bestäubungsmechanismen wie zum Beispiel der Hebel- oder Schlagbaummechanismus des Wiesensalbeis.
Nach JUNKER und WIDENMEYER (2021, S. 209) zeige dieses System zwei Design-Indizien: Zum einen sei es „nichtreduzierbar -komplex“: „Blütenform, seitliche Verwachsung der Staubfäden, Gelenk, Platte und Timing“ müssen komplett vorhanden und aufeinander abgestimmt sein; fehle ein Bauelement, habe das den totalen Funktionsausfall zur Folge. Das Schlagbaum-System könne erst ausgelesen werden, wenn es als Ganzes vorhanden sei, ein schrittweiser Aufbau über ungerichtete Mutationen und in jeder Generation wirksame Auslese sei nicht denkbar. Zum anderen erscheine das Schlagbaum-System als „spielerische Komplexität“, denn es fehle einigen Salbeiarten, die nicht weniger überlebensfähig seien. Aus funktionaler Sicht sei die Schlagbaumkonstruktion daher unnötig und ein fantasievolles Extra, ein Design-Indiz.
Bezogen auf das Beispiel des Wiesensalbeis liegt ein zentrales Problem in der Blickrichtung: Hat man den fertig funktionierenden Hebelmechanismus vor Augen, steht man tatsächlich vor einem erstaunlichen System, dessen Evolution schwer vorstellbar ist. Bezieht man aber Entwicklung, Vielfalt und Stammesgeschichte der Gattung Salvia mit in die Betrachtung ein, lässt sich sein Zustandekommen durchaus rekonstruieren.
Keywords: Evolution, Salbei, Hebelmechanismus, nichtreduzierbar komplex, Intelligent Design
