📅 11. Oktober 2026 | 👤 AG EvoBio

Die 500 bekannten Arten des Bombardierkäfers verfügen über einen hochentwickelten chemischen Abwehrmechanismus. Der typische Bombardierkäfer (z. B. der Gattung Pheropsophus, Abb. 1) erzeugt bei Gefahr in seinem Hinterleib eine reaktive Mischung aus Hydrochinon und Wasserstoffperoxid (H2O2). Im richtigen Moment gibt das Tier die Enzyme Katalase und Peroxidase dazu. Dadurch erhitzt sich die Mischung unter starkem Schäumen bis zum Siedepunkt und tritt explosionsartig aus dem Hinterleib aus. Es entsteht das giftige 1,4-Benzochinon, das den Fressfeinden mit einem Knall als ätzende, kochend heiße Lösung in Mund und Gesicht spritzt.
Der Bombardierkäfer – evolutionäres Kryptonit aus den ’70ern
Nun ist das Tier vor allem unter Evolutionsgegnern beliebt, weil sie glauben, die Evolutionstheorie würde an der Erklärung der Entstehung dieses so raffinierten wie komplexen Merkmals scheitern. Ein aktuelles Beispiel hierzu liefert SCHOLL (2024).
Dieser Autor führt an, dass dieser Abwehrmechanismus nichtreduzierbar komplex sei – eine Konstruktion, bei der alle Teile des Abwehrsystems gleichzeitig vorhanden sein müssten, um zu funktionieren. Jede Zwischenform sei funktionslos und daher im Rahmen einer schrittweisen Evolution nicht plausibel erklärbar. SCHOLL schreibt wörtlich:
Der Bombardierkäfer ist auch ein explosives Problem für die Evolution: Um eine solche Explosion zu erzeugen, sind nämlich viele verschiedene Komponenten nötig. … Man kann nicht einfach Komponenten wegnehmen, ohne dass die Funktion oder der Schutz in sich zusammenbricht. Das nennt man nichtreduzierbare Komplexität. (S. 183)
Dieses Argument wurde bereits in den 1970er Jahren vorgebracht (z. B. GISH 1977) und ist in der Folge vielfach geprüft und entkräftet worden (etwa WEBER 1981). Inzwischen liegen gut nachvollziehbare Modelle zur Entstehung dieses Mechanismus vor, auf die SCHOLL nicht eingeht. ISAAK (2007) beispielsweise nennt folgende Evolutionsfolge:
- Die meisten Insekten produzieren Chinone, etwa zur Sklerotisierung ihrer Kutikula (Außenhülle). Diese stechend riechenden, sehr bitter schmeckenden Substanzen haben den Nebeneffekt, dass sie einige Fressfeinde abschrecken. Verschiedene Käferarten produzieren deshalb verstärkt Chinone und Hydrochinon als Nebenprodukt.
- Einigen Insektenarten zeigen Spezialisierungen im Körperbau: Vertiefungen oder Drüsen, in denen die Abwehrstoffe gespeichert und ausgeschieden werden können (WEBER 1981). In einem weiteren Schritt wird das Sekret mithilfe von Muskeln abgegeben. Diese Konfiguration existiert bei zahlreichen Käfern, auch bei nahen Verwandten der Bombardierkäfer (FORSYTH 1970).
- Viele Insekten produzieren reaktive Sauerstoffspezies wie H2O2 – z. B. in der Haut oder im Darm. Die dafür verantwortlichen Enzyme (etwa Glucose-Oxidase) sind uralt. Werden sie in Drüsen exprimiert, führt das zu lokaler H2O2-Produktion. Vermischt sich dieses mit dem bestehenden Wehrsekret, reagiert es mit dem Hydrochinon. Die zunächst noch milde Reaktion beider Komponenten verstärkt die Ungenießbarkeit des Insekts.
- Verstärkung der Reaktion: Werden Peroxidasen, die im Zellstoffwechsel eine wichtige Rolle spielen, verstärkt entlang des Ausführungsgangs gebildet, beschleunigt sich die Reaktion und sorgt für eine erhöhte Konzentration giftiger Chinone im Sekret.
- Mit zunehmender Enzymaktivität wird die Reaktion intensiver: Sauerstoff wird freigesetzt, und es entsteht ein schaumiges, heißes Gemisch. Dies entspricht einer einfacheren Form des Bombardier-Mechanismus, wie er bei Metrius contractus vorliegt (EISNER et al. 2000).
- Der Ausführungskanal differenziert sich zu einer verstärkten Reaktionskammer, in der das Sekret vor dem Ausstoß gezielt zur Reaktion gebracht wird. Durch die Optimierung von Enzymproduktion, Kammerstruktur und Ausstoßmechanismus entsteht der effektive „Explosionsapparat“ moderner Bombardierkäfer.
Jeder dieser Schritte ist klein und lässt sich in noch kleinere Teilprozesse aufgliedern. Jede Zwischenstufe ist funktional und teils in verwandten Arten nachgewiesen.
Wo also liegt das „explosive Problem“ tatsächlich? Nicht bei der Evolution, sondern bei der Evolutionskritik! The bombardier beetle myth exploded – so brachte es bereits WEBER (1981) auf den Punkt. Leider scheint kein Argument zu alt und zu abgegriffen, um es nicht gegen die Evolutionstheorie ins Feld zu führen.
Literatur
Eisner, T., Aneshansley, D.J., Eisner, M., Attygalle, A.B., Alsop, D.W., & Meinwald, J. (2000). Spray mechanism of the most primitive bombardier beetle (Metrius contractus). Journal of Experimental Biology, 203, 1265–1275.
Forsyth, D.J. (1970). The structure of the defence glands of the Cicindelidae, Amphizoidae, and Hygrobiidae (Insecta: Coleoptera). Journal of Zoology, London, 160, 51–69.
Gish, D.T. (1977). Dinosaurs: Those terrible lizards. Creation-Life Publishers: San Diego, CA.
Isaak, M. (2007). The counter-creationism handbook. University of California Press: Oakland, CA.
Scholl, B. (2024) Dinosaurier und die Bibel. Fossilien und Urgeschichte aus biblischer Perspektive. Christliche Verlagsgesellschaft: Dillenburg.
Weber, C.G. (1981). The bombardier beetle myth exploded. Creation/Evolution, 2(1), 1–5. https://ncse.ngo/bombardier-beetle-myth-exploded