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Newsbeitrag:

Verfehlte Kritik an der Grundtypenbiologie? Eine Richtigstellung

Quelle: Genesisnet.info       

 

Auf der Homepage Genesisnet erschien eine ausführliche Stellungnahme zu dem Artikel "Die kreationistische Grundtypenbiologie in der Kritik", der Ende Februar 2006 im Skeptiker (18, 144-150, 2005) abgedruckt wurde. Gemäß dem Grundtypmodell sollen alle Lebewesen durch Mikroevolution aus so genannten "polyvalenten Stammformen" hervorgegangen sein, die im Kreationismus als das Ergebnis göttlicher Schöpfung gedeutet werden. Im Skeptiker wird hingegen erörtert, warum es auf der Basis dieses Modell keine wissenschaftliche Schöpfungsforschung geben kann. Verfasser der gegen diesen Beitrag gerichteten Replik ist Dr. theol. Reinhard Junker, der sich als biblisch motivierter Fundamentalkritiker der Evolutionstheorie und Geschäftsführer der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort-und-Wissen profiliert. Im Rahmen dieser Stellungnahme wird der Autor des grundtypkritischen Artikels mit schweren Vorhaltungen konfrontiert. So wird dort behauptet, der Beitrag weise "schwerwiegende Mängel auf", berücksichtige relevante Publikationen nicht und unterstelle den Protagonisten des Grundtypmodells Positionen, die sie nicht vertreten. Insgesamt wird die Kritik an der Grundtypenbiologie als verfehlt dargestellt.

Die Replik erfordert eine Richtigstellung, da die zentralen Aspekte der Kritik offensichtlich nicht verstanden und teilweise sinnentstellend wiedergegeben werden. So geht Junker auf die Argumente gegen eine "Schöpfungsforschung" oft gar nicht oder nur verkürzend ein; er konstruiert eine Reihe von Vorwürfen, mit denen er am Skeptiker vorbeiredet. Ferner werden einige Falschbehauptungen aufgestellt, die durch sorgfältiges Lesen des Artikels vermeidbar gewesen wären. Außerdem werden einige Einwände vorgebracht, die im Skeptiker bereits widerlegt wurden. Die Replik enthält auch rhetorische Stilmittel, die den objektiven Betrachtungen im Skeptiker nicht gerecht werden. So inszeniert Junker an vielen Stellen einen irrelevanten Streit um Worte - er moniert nebensächliche Formulierungen, die ihm unangemessen erscheinen, belegt sie mit abfälligen Adjektiven (z.B. "irreführend") und erweckt dadurch den Eindruck, als sei die Grundtypenbiologie verdreht dargestellt worden. Erkenntnistheoretische Argumente gegen eine "Schöpfungswissenschaft" werden gar nicht erst zugelassen bzw. mit dem Einwand beiseite gelegt, sie hätten mit dem Grundtypmodell nichts zu tun. Ein solches Vorgehen kann nur als intellektuell unzureichend bezeichnet werden.

In dem als pdf-Dokument herunterladbaren Artikel "Erweiterte Kritik an der Grundtypenbiologie" werden die Haupteinwände in Junkers Beitrag im Detail kritisch diskutiert und die Kritik am Grundtypmodell konkretisiert. Der Leser sei eingeladen, sich anhand des Skeptiker-Artikels und Junkers Replik selbst ein Bild von der Tragfähigkeit des Grundtypmodells zu machen. Die zu den jeweiligen Zwischenüberschriften gehörenden Hauptkritikpunkte seien im Folgenden in Kurzform zusammengefaßt:

1. Falschaussagen und das angebliche Fehlen relevanter Publikationen

Eine von Junkers Behauptungen lautet, im Skeptiker seien eine Reihe relevanter Arbeiten nicht beachtet worden. Neukamm thematisiere z.B. "die Frage, ob mit dem Grundtypmodell ‚Schöpfung' getestet werde - eine Frage, der sich der genannte Genesisnet-Artikel… explizit widmet. Die darin erläuterten Argumente greift Neukamm jedoch … nicht auf. Damit bleibt er hinter dem erreichten Diskussionsstand zurück". Diese Behauptung ist eine glatte Falschaussage, denn entgegen Junker wurde dessen Replik auf Korthof sehr wohl berücksichtigt, wo dies für die Argumentation erforderlich war (auf S. 148-149 gleich drei mal)! 

Zudem wurden im Skeptiker die meisten der von Junker ins Feld geführten Einwände explizit widerlegt. So heißt es bei Junker z.B.: "Wird ‚Schöpfung' … dahingehend konkretisiert, dass eine getrennte Entstehung polyvalenter Stammformen vorausgesetzt wird, dann können Befunde ermittelt werden, die diese Vorgabe stützen oder eher unplausibel erscheinen lassen." Doch auch im Skeptiker wird klargestellt, dass Theorien konkretisiert werden müssen (S. 146). Dort wird aber auch gezeigt, dass diese "Vorgaben" zur Konkretisierung von Schöpfung genau das voraussetzen, was es zu begründen gilt, woraus folgt, dass ein Nachweis polyvalenter Stammformen eben nicht als Plausibilitätsargument zugunsten der Auffassung gewertet werden kann, polyvalente Stammformen seien erschaffen worden. Kurzum: Für das Wirken übernatürlicher Wesen lässt sich keine objektive Grenze angeben. Daher endet der Versuch, eine Schöpfungsforschung wissenschaftlich zu legitimieren, unweigerlich in einem Zirkelschluss. Da Junker kein fundiertes Argument anführt, welches diese Einsicht hätte ins Wanken bringen können, war es auch nicht erforderlich, auf dessen Arbeit zu verweisen.

2. Die Vermischung prüfbarer Hypothesen mit Glaubensvorgaben

Junkers Stellungnahme konzentriert sich im Weiteren auf den Vorwurf, die prüfbaren Hypothesen des Grundtypmodells seien im Skeptiker nicht hinreichend von den Glaubensvorgaben des Schöpfungsparadigmas unterschieden worden. Die Studiengemeinschaft W+W würde beide Ebenen sauber trennen, denn im Rahmen der Grundtypenbiologie gehe es nur um biologische Daten und prüfbare Fragestellungen: Gibt es abgrenzbare Grundtypen? Erst in einem darauf aufbauenden Schritt werde der Versuch unternommen, diese Befunde durch eine Grenzüberschreitung im Rahmen des biblischen Schöpfungsparadigmas zu interpretieren. Da die im Skeptiker als Hilfshypothesen des Grundtypmodells deklarierten Zusatzannahmen (z.B. die Annahme, Gott habe polyvalente Stammformen erschaffen und diese nach einem "Baukastenprinzip" konstruiert) in Wahrheit "allgemein gehaltene Grundpostulate im Rahmen des Schöpfungsparadigmas" seien, sei die Kritik hinfällig. Diese Argumentation ist jedoch aus mehreren Gründen inkohärent:

  • Junker hat die Argumentation im Skeptiker völlig falsch übernommen, denn er übersieht, dass sich die Kritik nicht auf die prüfbaren Aussagen des Grundtypmodells, sondern auf die unprüfbaren Zusatzannahmen des Schöpfungsparadigmas bezieht; eine Zielsetzung, die bereits aus dem Untertitel des Artikels ("Weshalb es keine empirisch-wissenschaftliche Schöpfungsforschung geben kann") hervorgeht. Im Skeptiker wird sogar ausdrücklich konzediert, dass eine Grundtypforschung in gewissem Umfang tatsächlich möglich sein mag! Die Hauptaussage lautet also nicht, dass die postulierte Existenz polyvalenter Stammformen (die ja auch die Evolutionsbiologie voraussetzt) nicht unabhängig von den "Grundpostulaten im Rahmen des Schöpfungsparadigmas" prüfbar sei, sondern dass die Postulate des Schöpfungsparadigmas sowie einige von ihr abhängige Zusatzannahmen in das Grundtypmodell einbezogen werden, sobald Bezüge zum Schöpfungsparadigma hergestellt werden. Damit redet Junker an der Argumentation im Skeptiker vorbei.

  • Die von Junker vorgenommene Differenzierung zwischen den prüfbaren Hypothesen des Grundtypmodells und den unprüfbaren Glaubensvorgaben des Schöpfungsparadigmas ist Makulatur, sobald das Schöpfungsparadigma als Deutungsrahmen herangezogen wird. Mit anderen Worten: Die Glaubensvorgaben müssen mit dem Grundtypmodell logisch verknüpft werden, sonst könnte gar kein Zusammenhang zwischen dem Grundtypmodell und dem Schöpfungsparadigma hergestellt werden! Dadurch tauchen sie unweigerlich auch in den Prämissen des Grundtypmodells auf. Um dies zu beweisen, genügt eine einfache logische Überlegung: Wären, wie Junker behauptet, die Glaubensannahmen des Schöpfungsparadigmas nicht Bestandteil des Grundtypmodells, kann sich im Fall einer erfolgreichen Grundtypforschung auch nicht das schöpfungstheoretische Gesamtparadigma bewähren, denn in diesem Fall hätte sich eben nur das Teilparadigma (Grundtypmodell) bewährt, das aber nicht in notwendiger Beziehung zum Schöpfungsparadigma steht. Die Aussage, das Schöpfungsparadigma würde durch den Nachweis polyvalenter Stammformen "auf Plausibilität getestet", ist daher obsolet.

  • Indem Junker dem Schöpfungsparadigma nun aber  "Plausibilität" bescheinigt, zieht er alle Glaubensannahmen, die er formal als "Grenzüberschreitungen" bezeichnet hat, wieder zum Grundtypmodell hinzu. Er schüttet sozusagen die mühsam errichtete Trennlinie zwischen Glaubensvorgaben "im Rahmen des Schöpfungsparadigmas" und den prüfbaren Hypothesen des Grundtypmodells augenblicklich wieder zu und hält seinen Kritikern vor, diese nicht zu beachten. Eine solche Argumentation ist nicht nur logisch inkonsistent, sondern auch intellektuell unredlich. Denn Junker ignoriert, dass das Postulat, wonach alle Lebensformen "ihre Existenz als polyvalente, abgegrenzte Grundtypen [starteten]" (S. 2), mit der Grundaussage der Evolutionsbiologie identisch wäre, würde man die theologischen Zusatzannahmen vom Grundtypmodell abkoppeln. Im Skeptiker wird ja gezeigt, dass der empirische Gehalt des Grundtypmodells den empirischen Gehalt evolutionärer Modelle nicht übersteigt. Das Grundtypmodell fußt demnach immer auf Glaubensvorgaben - ansonsten würde man Grundtypforschung im Rahmen der Evolutionsbiologie betreiben! Das Grundtypmodell kann - wenn es überhaupt einen Wert für die Kreationisten haben soll - eben nur ein abhängiges Modell des (biblischen) Schöpfungsparadigmas sein, so wie evolutionäre Modelle immer nur abhängige Modelle der Evolutionstheorie sein können. 

  • Junkers Behauptung, die "Vermischung der Ebenen von Glaubensvorgaben und wissenschaftlichen Hypothesen" müsse "Neukamm vorgehalten werden" (S.3), ist absurd. Natürlich kommen im Skeptiker "theologische Einlassungen" zur Sprache, aber eben nicht im Hinblick auf die empirisch prüfbaren Aspekte des Grundtypmodells, sondern als Antwort auf die schöpfungstheoretischen Deutungen der Studiengemeinschaft W+W, worin sich ja gerade die "Vermischung der Ebenen von Glaubensvorgaben und wissenschaftlichen Hypothesen" manifestiert.

3. Die zirkelschlüssige Begründung des Schöpfungsparadigmas

Wie bewerkstelligt Junker den Kraftschluss zwischen der postulierten Existenz polyvalenter Stammformen und dem (biblischen) Schöpfungsparadigma? Junker stellt hierzu fest, "dass sich die Existenz abgrenzbarer Grundtypen aus dem biblischen Schöpfungsparadigma ergibt (jedenfalls dass ihre Existenz mindestens sehr nahe liegt)… Wenn also das Grundtypkonzept getestet wird, wird damit auch das Schöpfungsparadigma auf Plausibilität getestet" (S. 4). Die Logik des Arguments lautet demnach wie folgt: Die Hypothese, Gott habe polyvalente, abgrenzbare Grundtypen erschaffen, lässt sich mithilfe der Bibel plausibel begründen. Wodurch aber wird der biblischen Aussage Plausibilität verliehen? Durch das Grundtypmodell bzw. durch die Hilfshypothese, polyvalente Grundtypen seien erschaffen worden! Man sieht hier also, dass Hypothese A durch Hypothese B begründet wird, die wiederum die Richtigkeit von Hypothese A annimmt und damit das voraussetzt, was doch begründet werden soll!

Illustrieren wir den Sachverhalt mithilfe eines Beispiels: Nehmen wir an, in einem Science-Fiction-Roman von Asimov stünde geschrieben, rote Riesensterne seien durch einen Dämon erschaffen worden. In Anlehnung an Junker könnte nun wie folgt argumentiert werden: "Die Existenz roter Riesensterne ergibt sich aus dem Roman von Asimov (jedenfalls liegt ihre Existenz mindestens sehr nahe)… Wenn also die Existenz roter Riesensterne bestätigt wird, wird damit auch Asimovs Dämonen-These auf Plausibilität getestet." Jeder sieht ein, dass dieser Schluß logisch in die Irre führt, da sich für das Wirken postulierter Dämonen keine objektive Grenze angeben lässt, solange keine Möglichkeit besteht, die Wirkungsweise des Dämons zu erforschen und mechanismisch zu beschreiben. Es ist daher ohne Weiteres einzusehen, dass die Existenz roter Riesensterne keinesfalls der Annahme Plausibilität verleiht, ein Dämon sei ihr Urheber gewesen. Diese Logik erschließt sich den Protagonisten des Grundtypmodells aufgrund weltanschaulicher Vorurteile aber nicht, weil sie sonst entweder von ihren Glaubensvorgaben oder von ihrem Ziel abrücken müssten, eine wissenschaftliche Schöpfungsforschung zu begründen.

4. Weshalb sind die Zusatzannahmen des Grundtypmodells willkürlich?

Junker behauptet, es sei "geradezu abwegig" wenn unterstellt wird, die Postulate der Grundtypenbiologie seien willkürlich gewählt, denn "die Wahl der Postulate [ist] letztlich durch das biblisch orientierte Schöpfungsparadigma begründet und alles andere als willkürlich" (S. 3). Diese Behauptung ist jedoch nicht zielführend:

  • Im Skeptiker wird gar nicht bestritten, dass die Zusatzannahmen des Grundtypmodells auf das biblische Schöpfungsparadigma gründen, auf S. 147 wird dies ausdrücklich festgestellt! Dennoch - genauer gesagt: gerade deshalb (!) - sind diese Annahmen willkürlich, denn welcher objektive empirische Befund spricht denn für die Annahme, polyvalente Stammarten seien erschaffen worden? Kein einziger! Würde zwischen den Arten z.B.  ein Formenkontinuum anstelle einer mosaikartigen Merkmalsverteilung auftreten, wäre es ebenso legitim, zu behaupten, es verleihe dem Schöpfungsparadigma Plausibilität. Zwar ließe sich eine solche Beobachtung möglicherweise nicht mehr mit der kreationistischen Interpretation der Genesis vereinbaren. Wodurch aber erlangt diese Interpretation den Status eines wohlbegründeten realhistorischen Ereignisses? Objektive Befunde kommen nicht infrage, da ja nicht wenig gläubige Christen annehmen, Gott habe nicht durch ein "Baukastenprinzip", sondern durch Evolution die Arten einander ähnlich erschaffen; sie kommen also zu einem ganz anderen, wiewohl ebenso willkürlichen Schluss!

  • Junker vertritt den Standpunkt, solche theologischen Einlassungen gehörten gar nicht zur Grundtypenbiologie. Er schreibt: "Wie Gott geschaffen haben könnte und warum im Rahmen der Grundtypenbiologie mit den o.g. Prämissen gearbeitet wird, ist eine theologische Frage, um die es im Rahmen der Grundtypenbiologie gar nicht geht" (S. 3). Entweder hat Junker die argumentativen Erfordernisse, die an eine Kritik an der vermeintlich "wissenschaftlichen Schöpfungsforschung" gestellt werden, nicht verstanden, oder er wischt die theologischen Einlassungen seiner Gegner bewusst beiseite, um sich jedweder Kritik zu entledigen. Denn solche theologischen Überlegungen sind unerlässlich, wenn man zeigen möchte, dass von einer Bestätigung der Annahmen des Grundtypmodells nicht auf eine Plausibilität des "Schöpfungsparadigmas" geschlossen werden darf, da sich für das Wirken übernatürlicher Wesen keine objektive Grenze angeben lässt. Daraus folgt, dass aus unendlich vielen denkbaren Alternativen im Kontinuum der Schöpfungsauffassungen willkürlich nur solche Zusatzannahmen gewählt werden, die zu einem bestimmten Gottesbild passen. Genau dies entspricht der zirkelschlüssigen Argumentation, von der oben die Rede war.

  • Der zuletzt genannte Punkt sei nochmals an folgendem Beispiel verdeutlicht: Häufig wird der Versuch unternommen, aus entwicklungsbiologischen Zwängen bestimmte Anforderungen an das "göttliche Design" abzuleiten. So heißt es z.B. bei Junker auf S. 7, "dass viele Ähnlichkeiten funktional bedingt sind und aus diesem Grund auftreten müssen…". Ähnlich bemerkt Junker an anderer Stelle, die "funktionelle(n) Zwänge" würden "auch im Rahmen des Schöpfungsparadigmas gelten, denn funktionelle Zwänge gelten notwendigerweise für alle Paradigmen". Diese Argumentation wird jedoch im Skeptiker ausführlich widerlegt. Sie ist insofern widersprüchlich, als ja schon die Annahme, dass sich ein nicht näher spezifizierbarer Schöpfer überhaupt an weltimmanente Prinzipien und (funktionelle) Zwänge halten müsse, durch kein Argument erhärtet werden kann.

  • Wie im Skeptiker dargelegt wurde, haben wir es also mit einer willkürlich gewählten Hilfshypothese zu tun, die nur dazu dient, ein bestimmtes Schöpferbild plausibel zu machen, das es ohne sie gar nicht wäre: Wäre der Designer nicht von dieser Welt, gäbe es überhaupt keinen Grund anzunehmen, weshalb er das Gesetzesnetz der Natur nicht nach Belieben modifizieren sollte. Weshalb soll der Designer dann nicht auch Arten erschaffen können, die auf der Sonne leben, ohne Nahrung auskommen oder aus Luft bestehen, anstatt das Gesetzesnetz der Natur so und nicht anders festzulegen, wie er es tat? Weshalb sollte er nicht die tradierte Ordnung des Lebendigen überwinden, anstatt immerzu nur das (gleichwohl erstaunlich vielfältige) Reservoir eines beschränkten Baukastens zu recyceln? Wären alle Arten von der molekularen bis zur morphologischen Ebene völlig verschieden, würde Junker den Spieß einfach umdrehen und behaupten, der Gott der Bibel habe in seinem grenzenlosen Phantasie eben auf ein "Baukastenprinzip" verzichtet! Er würde damit nie Gefahr laufen, widerlegt zu werden, da seine Annahmen eben willkürlich und grundsätzlich nicht widerlegbar sind. Dies zu zeigen ist ein wichtiges Ziel des Skeptiker-Artikels.

5. Genetische Polyvalenz und diskontinuierliche Merkmalsverteilung

Entgegen Junkers Behauptung lässt sich nicht nur die abgestufte Formähnlichkeit zwischen den Arten, sondern auch der Sachverhalt der mosaikartigen und inkongruenten Verteilung der Merkmale zwingend aus der Evolutionstheorie folgern, sofern sie mit entwicklungsbiologischem Zusatzwissen angereichert wird. Dies wird im Skeptiker ausführlich gezeigt. Doch auch in Bezug auf die Ablehnung dieser Begründung weist der Artikel von Junker schwerwiegende Mängel auf

  • Entgegen der logischen Begründung behauptet Junker, diese Aussage sei "mindestens fragwürdig. Wäre sie richtig, würde sie das Ende des Cladismus bedeuten, der auf der evolutionstheoretisch begründeten Erwartung beruht, dass Konvergenzen Ausnahmen sind und nicht verbreitet vorkommen" (S. 6). Hätte Junker die evolutionäre Entwicklungsbiologie verstanden, hätte er dies wohl nicht geschrieben, denn an den im Skeptiker angegebenen Literaturstellen wird deutlich, dass es sich bei dieser Auffassung keineswegs um eine fragwürdige Spekulation des Autors handelt, sondern um ein ganz zentrales Theorem der evolutionären Entwicklungsbiologie. Daraus folgt: Würde man in Kenntnis entwicklungsbiologischer Zwänge ein Formenkontinuum vorfinden, wäre die Evolutionstheorie widerlegt!

  • Völlig abstrus ist folgender Einwand: "Jedenfalls scheint mir die Behauptung Neukamms ‚Wie wir oben gesehen haben, ist z.B. eine 'programmierte Variabilität' in gewissem Umfang auch im Rahmen der Evolutionsbiologie zu erwarten' (148) recht gewagt. Hier geht es um das Thema ‚evolvability', ein Phänomen, das bestens zur Grundtypenbiologie passt, im Rahmen der Evolutionstheorie jedoch nicht verstanden ist…" (S. 6). Wenn das wirklich so wäre, bliebe "Evolvability"  aber auch im Rahmen der Grundtypenbiologie unverstanden, denn ihr zufolge soll die genetische Plastizität ja Ausdruck von Mikroevolution sein. Das Grundtypmodell lehnt sich mit anderen Worten an evolutionäre Erklärungen an, erklärt darüber hinaus aber nicht die Herkunft des epigenetischen Systems! Da es den empirischen Gehalt evolutionärer Modelle nicht übersteigt, trägt es auch nicht mehr zum Verständnis bei, als die Evolutionsbiologie - vielmehr ist das Gegenteil der Fall.

  • Im Skeptiker wird gezeigt, dass sich auch die Abgrenzbarkeit der Grundtypen sowie die Mosaikevolution zwanglos mithilfe von Entwicklungszwängen ("developmental constraints") erklären läßt: Bestimmte Merkmale sind konstruktiv notwendig und können daher nicht beliebig im Sinne eines Formkontinuums abgewandelt werden. Kurioserweise bestreitet Junker diesen Sachverhalt unter Bezugnahme auf Rieppel, indem er feststellt: "Solange kein kausaler Mechanismus für die Invarianz der Entwicklung gefunden würde, sei der Verweis auf ‚Entwicklungszwänge' empirisch leer und nur eine Umschreibung für die strukturelle Gleichheit" (S. 13). Der Umstand, dass viele Merkmale in der Ontogenese z.B. als Organisatoren, die in benachbarten Keimregionen bestimmte Entwicklungsvorgänge induzieren, benötigt werden und daher nicht abwandelbar sind, ohne den Funktionszusammenhang zu zerstören, ist jedoch eine Grundtatsache der Biologie! Die Behauptung, es seien keine Mechanismen bekannt, die "constraints" erklären könnten, ist daher aus entwicklungsbiologischer Sicht geradezu absurd.

  • Junker argumentiert hochgradig widersprüchlich, indem er selbst ein Argument benützt, das er im Rahmen der Evolutionsbiologie jedoch zurückweist: Wird zugunsten des Grundtypmodells argumentiert, ist der Hinweis auf "constraints" empirisch wohlbegründet. Wird hingegen der Befund in das Gefüge der Evolutionstheorie implementiert, handelt es sich um ein "empirisch leeres Argument". Solche Ausführungen sind inkonsistent. Die asymmetrische Argumentation, die Junker seinen Gegnern vorwirft, muss hier Junker vorgeworfen werden!

6. Der unterschiedliche methodologische Status von Grundtypmodell und evolutionären Modellen

Junker behauptet, das Grundtypmodell erkenne die bewährten methodologischen Prinzipien der Wissensgewinnung an, denn alle naturwissenschaftlich behandelbaren Fragen würden auch im Rahmen der Grundtypenbiologie via Hypothesenbildung an die Natur gerichtet. Außerdem argumentiere Neukamm asymmetrisch. Wenn die Aussage "Die Annahme einer transzendenten Schöpfung trägt demnach gar nichts zum Verständnis der Zusammenhänge bei, die es gerade zu erforschen gilt!" richtig sei, müsse im Interesse einer symmetrischen Argumentation gleiches auch für die Evolutionstheorie gelten. An diesen Aussagen ist jedoch alles falsch:

  • Junkers Behauptung, die Grundtypenbiologie akzeptiere die methodologischen Prinzipien der Wissensgewinnung, ist semantisch leer, da er die Argumente im Skeptiker nicht zu widerlegt vermochte. Fakt ist: Während evolutionäre Modelle die Entstehung des Lebens auf empirisch begründete bzw. im Rahmen der Entwicklungsbiologie erforschbare Mechanismen zurückführen, wird die Frage nach den Mechanismen der Entstehung polyvalenter Stammformen im Rahmen des Grundtypmodells ausgeklammert. Es existiert schlicht keine methodologische Handhabe zur Beschreibung und kausalen Erklärung des im Rahmen des Schöpfungsparadigmas postulierten Erschaffungsaktes, so dass das Grundtypmodell keine wissenschaftlich relevanten Antworten liefert. Damit bleibt es hinter dem empirischen Gehalt evolutionärer Modelle zurück und kann daher keine Alternative sein.

  • Im Skeptiker wird eingehend begründet, weshalb sich die Annahme von der Erschaffung polyvalenter Stammformen als integraler Bestandteil des Grundtypmodells weder als nützlich noch als bedeutsam für die Erkenntnis der empirischen Wirklichkeit erweist, sondern als Hemmschuh: Überall dort, wo eine Schöpfung angenommen wird, büßt das Modell an Erklärungskraft ein und trägt nichts mehr zum Verständnis der Zusammenhänge bei, die es gerade zu erforschen gilt. Wenn Junker dies bestreitet, müsste er in der Lage sein, zu zeigen, in welchen Bereichen Erklärungen vorliegen, die über die Erklärungen evolutionärer Modelle hinausgehen. Vor allem müßte er in der Lage sein, den postulierten Schöpfungsakt kausal zu beschreiben. Da er dies erklärtermaßen nicht leisten kann, ist seine Aussage faktisch widerlegt.

  • Die methodologische Status des Grundtypmodells verlangt daher in der Tat nach einer asymmetrischen Argumentation: Das Grundtypmodell liefert im Gegensatz zu evolutionären Modellen weder prüfbare Ansätze im Hinblick auf die postulierte Erschaffung polyvalenter Stammformen, noch ein florierendes Forschungsprogramm; der Wissensfundus der vermeintlichen "Schöpfungswissenschaft" stagniert.

7. Was erklärt die Evolutionstheorie?

Junker bestreitet, dass (mechanismische) Erklärungen bezüglich Makroevolution in der Evolutionsbiologie überhaupt existieren. Folglich könne den Verfechtern der Grundtypenbiologie nicht vorgeworfen werden, sie würden Wissen ignorieren und mit ihrem Modell hinter die Erklärungen der Evolutionsbiologie zurückfallen. Diese Behauptung ist aus folgenden Gründen unzutreffend:

  • Junker hat offenbar nicht verstanden, was man in den Naturwissenschaften unter einer mechanismischen Erklärung versteht: Eine mechanismische Erklärung liegt genau dann vor, wenn im Rahmen einer formal gültigen Argumentation ein zu erklärender Sachverhalt ("Explanandum") aus einer Menge von Gesetzesaussagen, Zusatzannahmen und Mechanismenaussagen ("Explanans") abgeleitet werden kann. Dies geschieht im Rahmen wissenschaftlicher Modelle, wobei sämtliche Aussagen (Postulate) über die betreffenden Mechanismen prüfbar und empirisch wohlbegründet sein müssen. Wie im Skeptiker gezeigt wird, lässt sich z.B. der Sachverhalt der abgestuften Formähnlichkeit der Arten unter Einbeziehung der wohlbestätigten Mechanismen Variation, Selektion und Vererbung formal aus der Deszendenzhypothese folgern. Entgegen Junkers Auffassung liegt demnach eine solide mechanismische Erklärung der Entstehung der abgestuften Formähnlichkeit der Arten vor. (Im Gegensatz dazu lässt sich die Formähnlichkeit im Rahmen des Grundtypmodells aber nur mithilfe der willkürlichen, keinesfalls empirisch prüfbaren Zusatzannahme "erklären", Gott habe nach einem Baukastenprinzip die Stammformen einander ähnlich erschaffen. Folglich liegt hier keine wissenschaftliche Erklärung, sondern eine pseudowissenschaftliche Deutung vor.)

  • Junker vermengt zwei Aspekte, die logisch unabhängig sind und daher sorgfältig auseinander gehalten werden müssen: Die Frage, ob ein postulierter (makroevolutionärer) Vorgang direkt beobachtbar ist, sagt nichts darüber aus, inwieweit der Vorgang unter Rückgriff auf bekannte Mechanismen erklärt werden kann

  • Junker neigt dazu, das Fehlen von Detailerklärungen fälschlicherweise gegen Theorien auszuspielen, die allgemeine Erklärungskraft haben. So wird die Erklärungskraft von Evolutionstheorien oft mit dem Argument zurückgewiesen, sie seien unzureichend zur Erklärung zahlreicher Spezifika (wie etwa zur Erklärung der Entstehung des Kannesblattes der fleischfressenden Pflanze Nepenthes) und scheiterten somit am "Problem Makroevolution". Ein solche Argumentation ist wissenschaftstheoretisch unsauber, denn naturwissenschaftliche Theorien erklären die von ihnen behandelten Prozesse nur allgemein, nicht aber ohne weiteres die Details eines bestimmten Objekts. Dies wird im Skeptiker auch ausführlich erklärt: Detailerklärungen sind nur dann möglich, wenn auch die Randbedingungen bekannt sind, um die von dem Modell behandelten Objekte zu konkretisieren. Folglich ist das Fehlen von Detailerklärungen kein Argument gegen die Erklärungskraft allgemeiner Theorien.

  • Modelle, die bestimmte Teilstücke makroevolutionärer Vorgänge mechanismisch erklären, gibt es heute schon in Hülle und Fülle, und hierbei handelt es sich keinesfalls um "storytelling", wie Junker oft abfällig behauptet. Ein Blick in die Fachliteratur offenbart eine unüberschaubare Zahl an Modellen und Mechanismen zur Erklärung der Entstehung evolutiver Neuheiten. Die Behauptung, eine Erklärung von Makroevolution fehle trotz vielfältiger Bemühungen "völlig", ist in dieser Form unzutreffend.

Fazit: Junker ist es auch im Rahmen seiner Replik nicht gelungen, das Grundtypmodell als ernst zu nehmende Alternative zur Evolutionstheorie ins Gespräch zu bringen. Die Hauptaussagen im Skeptiker bleiben argumentativ unangetastet: Wer die Annahme einer Schöpfung plausibel machen möchte, kann sich nicht auf das Grundtypmodell und schon gar nicht auf die naturalistische Forschungspraxis berufen, sondern muss den Glaubensstandpunkt beziehen, dass sich ein Teil der hierarchisch strukturierten Ordnung des Lebendigen nicht auf kausal nachvollziehbare Weise erklären lässt, sondern auf den geheimen Ratschluss einer unerforschlichen Wesenheit zurückzuführen ist. Eine empirisch-wissenschaftliche Schöpfungsforschung kann es nicht geben, so dass der Versuch, die Schöpfungshypothese als fruchtbaren Bestandteil eines rationalen Betätigungsfelds darzustellen, als gescheitert gelten muss.

 

Autor dieser News: Martin Neukamm          

   


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol.   Letzte Aktualisierung: 11.05.06