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Bericht:

Kommentar zu W.-E. Lönnigs Seminar an der Universität Witten/Herdecke

Ein Dozent an der Fakultät für Biowissenschaften berichtet

     

Der Evolutionskritiker W.-E.-Lönnig hielt im vergangenen Jahr an den Universitäten Köln, Salzburg, Witten/Herdecke, Kassel sowie am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln (MPIZ) Seminare zum Thema Intelligent Design. Über die Resonanz seiner Vorträge liest man nicht ohne Verwunderung unter anderem das Folgende auf seiner Homepage (www.weloennig.de/Seminare.pdf):

"Die meisten der Seminare fanden Ende 2005 und in den ersten Monaten des Jahres 2006 statt (genaue Daten zu den Gastgebern möchte ich nicht angeben, um Repressalien gegen diese durch meine zahlreichen Kritiker zu vermeiden). Die Seminare wurden von den Zuhörerschaften allgemein als wertvolle wissenschaftliche Beiträge zur Wahrheitsfindung in der Ursprungsfrage angesehen, insbesondere auch von der Mehrheit der Zuhörer, die nicht meiner Meinung waren" (Hervorhebung im Original).

Dies klingt, als sei Lönnig an den Universitäten mehrheitlich mit offenen Armen empfangen und als seien dessen Argumente von der Mehrheit der Zuhörerschaft weitgehend akzeptiert worden; und das, obwohl sich bereits die Direktoren des MPIZ öffentlich von Lönnigs Thesen distanzierten (s. Laborjournal 9/2006, S. 27).  Nur eine "sehr kleine Minderheit von Zuhörern" habe "hin und wieder ausgesprochen irrational reagiert". Misstrauisch über so viel (Eigen-) Lob wollten wir es genauer wissen und schrieben die Universität Witten/Herdecke an. Vor kurzem wurde uns denn auch ein völlig anderer Eindruck geschildert.

Damit sich der Leser ein Bild über den Sachverhalt machen kann, wollen wir im Folgenden den Kommentar eines Dozenten in Ausschnitten wiedergeben, der bei Lönnigs Vortrag an der Universität Witten/Herdecke zugegen war (der Wissenschaftler bleibt hier namentlich unerwähnt, um etwaige Anfeindungen von ihm fernzuhalten). Er schreibt:

"[…] Dazu sollten Sie zunächst wissen, dass bereits die Einladung von Herrn Lönnig hier im Hause sehr umstritten war. Sie war von Herrn Zänker ausgesprochen worden und nicht von der Fakultät für Biowissenschaften oder der Universität. Es gab dabei zwei Haltungen: Die Eine war, dass man sich ja auch unkonventionelle Meinungen zunächst vorurteilsfrei anhören könne um dann in die Diskussion zu gehen. Eine solche Diskussionskultur ist eines der Ideale unserer Universität. Die andere Haltung war, dass von Herrn Lönnig kein wissenschaftlicher Vortrag zu erwarten sei und er daher an einer Universität nichts zu suchen habe.

Schließlich fand der Vortrag allein auf Veranlassung von Herrn Zänker, nicht im Namen der Fakultät, aber statt. Im Anschluss daran gab es eine heftige Diskussion in der sowohl die Grundhaltung des Referenten als auch einige seiner Argumente scharf angegriffen wurden. Ohne hier auf die inhaltlichen Probleme eingehen zu können war es besonders unerfreulich, dass Herr Lönnig nicht wirklich diskursfähig war: Kritischen Argumenten wich er regelmäßig mit Wiederholungen von Aussagen oder einem Wechsel auf andere Argumentationsebenen aus.

In den Tagen nach diesem Vortrag wurde darüber nachgedacht, ob man einmal eine Diskussionsveranstaltung über Grundfragen des Evolutionsverständnisses durchführen sollte. Davon wurde aber in Abstimmung mit dem Dekan der Fakultät für Biowissenschaften abgesehen. Vor allem wollte man dem Ereignis nicht durch zusätzliche Veranstaltungen zu weiterer Aufmerksamkeit verhelfen. Nach den gemachten Erfahrungen ist kaum anzunehmen, dass man mit sachlichen Argumenten gegen die Penetranz der Vertreter der neuerlichen Kreationismusbewegung ankommt. […]" (*)

Gemessen an diesem Kommentar beschleicht einen der Verdacht, dass Lönnig den Stellenwert seiner Intelligent-Design-Spekulation im Umfeld wissenschaftlicher Institutionen sowie durch Schönfärberei ("…wurden von den Zuhörerschaften allgemein als wertvolle wissenschaftliche Beiträge zur Wahrheitsfindung in der Ursprungsfrage angesehen") unzulässig zu steigern versucht. Ob diese Methodik ein adäquates Mittel darstellt, um die Popularität dieser Lehre zu erhöhen, sei dahingestellt. Zumindest riet der Dozent sowie die Fakultät für Biowissenschaften nach Rücksprache mit dem Dekan vor weiteren Veranstaltungen dieser Art ab, da der wissenschaftliche Wert solcher Seminare fraglich ist.

 

Autoren dieser News: A. Beyer, M. Neukamm      

         

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Nachtrag (16.03.07):

Die hier dargelegte Einschätzung deckt sich weitestgehend mit den Erfahrungen, die einige Mitglieder der AG Evolutionsbiologie sowie auch Biologen, die nicht der AG angehören (teils in ermüdenden eMail-Diskussionen mit Lönnig, teils beim Studium der Lönnigschen Homepage-Texte, in denen zum Teil ein erstaunliches Maß an menschenverachtenden Diskussionsformen gepflegt wird) gemacht haben. Für eine gründliche wissenschaftliche Analyse der Argumentationsstrukturen dieses Evolutionsgegners siehe: Neukamm, M., Beyer, A. (2007) Die Affäre Max Planck. Über die fragwürdigen Diskursmethoden eines Evolutionsgegners. In: Kutschera, U. (Hg.) Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen, S. 232-276, Lit-Verlag, Münster.

Der Rezensent A. Müller vom "Humanistischen Pressedienst" bemerkt zu diesem Artikel: "Lönnigs Argumente und Methoden werden auseinander genommen und widerlegt. Lönnig bedient sich ungewöhnlicher Taktiken: Er verwendet Nazi-Vergleiche und bezeichnet Evolutionsbiologen als Dogmatiker, die eine „terroristische Wissenschaftsauffassung“ (S. 265) teilen. Einige seiner Argumente und Darstellungen sind für den Laien nicht ohne Weiteres zu durchschauen und als das zu identifizieren, was sie sind: Christlich-fundamentalistisch motiviert und unwissenschaftlich. Deshalb machen sich die beiden Autoren die Mühe, auch komplizierte Wahrheitsverdrehungen bloßzustellen." (http://hpd-online.de/node/1400).

          


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol.   31.01.07