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Die Unwissenschaftlichkeit im Kreationismus

Kritische Anmerkungen zu einem Text der Studiengemeinschaft Wort und Wissen

Ein beliebtes Argumentationsmuster in der kreationistischen Literatur ist die Überbetonung ungewöhnlicher Befunde (wie etwa Ausreißer bei der radiometrischen Altersbestimmung oder Fälle ungewöhnlich schneller Sedimentbildung), die bei isolierter Betrachtung mit dem fundamental-christlichen Dogma von der vor 6-10.000 Jahre erschaffenen Erde kompatibel sein könnten. Doch während in den Realwissenschaften jede theoretische Interpretation und jede Deutungsmöglichkeit einer kritischen Plausibilitätsprüfung unterzogen wird - dergestalt, dass man fragt: "passt die Deutung auch ins Gesamtbild des sich gegenseitig stützenden Theoriennetzwerks der Naturwissenschaften oder gibt es plausiblere Interpretationen?" ("Ockhams Rasiermesser"; Prinzip der Kohärenz oder äußeren Widerspruchsfreiheit; s. Vollmer 1995, Bunge und Mahner 2004, Neukamm 2007), tendieren die Kreationisten dazu, das von den Realwissenschaften vermittelte Gesamtbild infragezustellen, um an metaphysisch aufwändigen Positionen festzuhalten, die niemand akzeptieren würde, der sich nicht schon a priori (ohne die so interpretierten Fakten) aus rein subjektiven Glaubensgründen für sie entschieden hat. (*)

Ein neueres Beispiel aus der unendlichen Reihe "Gibt es empirische Hinweise für eine junge Erde?" ist die Stellungnahme von Harald Binder unter der Überschrift "Proteine aus einem fossilen Oberschenkelknochen von Tyrannosaurus rex" (Binder 2007). In diesem Beitrag stellt Binder zunächst ausführlich den Fund von Proteinfragmenten in kreidezeitlichen Fossilien vor und erklärt unter Verweis auf die Fachliteratur, dass die Biopolymere nach dieser enorm langen Zeitspanne eigentlich längst hätten zerfallen sein müssen. So sollte nach Meinung von Experten nach einer Zeitspanne von "deutlich unter einer Million Jahre" kein Polypeptid mehr nachweisbar sein, während die Fossilien, aus denen die Proteinfragmente isoliert wurden, etwa 70 Millionen Jahre alt waren. Nach der Bergung der Fossilien setzte, wie Binder berichtet, auch der Abbau des Knochenmaterials wieder deutlich ein.

Aufgrund dieser Befunde gelangt nun Binder zu dem Schluss, dass Mechanismen zur Langzeitstabilisierung von Proteinen bislang unbekannt seien und mahnt hierzu weitere Untersuchungen an. Da jedoch der vorliegende Befund "im Widerspruch zu den konventionellen Altersangaben der Fossilien" stehe, erklärt Binder am Ende seiner Ausführungen: "Derzeit kann jedenfalls die zeitliche Zuordnung der geologischen Systeme aufgrund der Diskrepanz zwischen etablierten Erfahrungen aus der Proteinchemie und der behaupteten extremen Stabilität von Proteinen in Fossilien beim gegenwärtigen Kenntnisstand begründet in Frage gestellt werden." (Hervorhebung im Schriftbild von M.N.)

Nun ist allerdings, wie der Chemiker weiß, der Abbau organischer Materie als Datierungsmethode kaum geeignet, so dass er auch nicht als Referenzmethode, geschweige denn als Prüfstein für konventionelle Altersbestimmungen, herangezogen werden kann. Denn die Abbaugeschwindigkeit hängt sehr stark von den individuellen Lagerungsbedingungen ab und unterliegt daher auch sehr starken, unvorhersehbaren Schwankungen. Diese Erkenntnis ist alles andere als neu - jeder Hausfrau ist geläufig, dass sich Nahrung im Kühlschrank länger hält als in der Wärme und im Vakuum oder unter Schutzatmosphäre länger als an Luft. Dies ist auch der Grund, weshalb Altersbestimmungen üblicherweise anhand radioaktiven Materials durchführt werden, dessen Halbwertszeit von den Umgebungsbedingungen unabhängig ist.

Der vorliegende Fall hat nun zwar nicht unmittelbar etwas mit bakterieller Verderbnis zu tun, verhält sich ansonsten aber analog zur Konservierung von Nahrungsmitteln: Trocknung, Luftausschluss, niedrige Temperaturen, die Gegenwart von Mineralien oder der Einschluss in eine geeignete Hilfsstoffmatrix können die thermodynamische Stabilität von Proteinen erhöhen, die Kinetik der Abbaureaktionen, wie z.B. Konformationsänderung (Denaturierung), Hydrolyse und Oxidation, günstig beeinflussen und sie im günstigsten Fall derart verlangsamen, dass sie bei der Lagerung praktisch nicht mehr auftreten. Zudem kann die Adsorption bestimmter Ionen (durch Ausbildung stabilisierender Wasserstoff- und Salzbrücken) die Stabilität der Proteinkonformation erhöhen oder gar zur Proteinkristallisation führen. Bereits eine zusätzliche hydrophobe Wechselwirkung oder mehrere polare Kontakte können die Halbwertszeit der Denaturierung um mehrere Größenordnungen erhöhen.

Mit einem Wort: Es gibt eine Reihe ganz einfacher plausibler Erklärungen, um den vorliegenden Befund mit dem Alter kreidezeitlicher Fossilien in Einklang zu bringen, ohne die zeitliche Zuordnung der geologischen Systeme antasten zu müssen. Um ein Modell für die (Langzeit-) Stabilisierung von Proteinen zu gewinnen, braucht man auch keine grundlegend neuen, "unbekannte(n) Mechanismen" zu postulieren, wie Binder meint, man braucht lediglich die thermodynamischen und reaktionskinetischen Verhältnisse der infrage kommenden Abbaureaktionen zu klären und kann dann auf die Randbedingungen schließen, die einen langsameren Abbau bzw. die Langzeitkonservierung von Proteinen begünstigen (siehe oben).

Binder erwähnt nun selbst einige der für eine Langzeitkonservierung in Betracht kommenden Faktoren, wie etwa den Umstand, dass die Fossilien "in mittelkörnigem Sandstein einsedimentiert" waren, wonach "aufgrund der Porosität … die Kontaktzeit des fossilisierenden Kadavers mit zerstörenden Flüssigkeiten … reduziert wird". Ja, er weist sogar auf eine Studie hin, wonach Ablagerungstemperaturen von unter 10°C die Erhaltung von Peptidfragmenten aus dem Mesozoikum möglich erscheinen lassen, womit eigentlich schon alles obsolet geworden ist, was er bezüglich der zeitlichen Zuordnung der geologischen Systeme schreibt. Doch aus unbegreiflichen Gründen misst er diesen Befunden in seiner Schlusssentenz keine Relevanz mehr bei. Stattdessen zieht er sich auf den Einwand zurück, dass die "etablierten Erfahrungen aus der Proteinchemie" der "extremen Stabilität von Proteinen in Fossilien" widersprechen. Was man unter den "etablierten Erfahrungen" und "kontrollierbaren Laborbedingungen" verstehen darf, erfährt der Leser auch: Offenbar wurde vor allem die Kinetik der Hydrolyse in wässriger Lösung studiert (in der nun aber gerade die Hydrolyse aufgrund des ungünstigen entropischen Beitrags stark begünstigt wird), anstatt die für eine realistische Simulation erforderlichen Lagerungsbedingungen, welche die Abbaureaktionen enorm verlangsamen.

Beides miteinander zu vergleichen hieße, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Es verhält sich in etwa so, als wollte Binder das "kontrollierbare Ranzigwerden" von Butter im Sonnenlicht auf die Verhältnisse im Gefrierfach übertragen. Und es ist schlicht ein unwissenschaftlicher Argumentationsansatz, "die zeitliche Zuordnung der geologischen Systeme" anhand solcher Befunde infragezustellen - und sich dabei auch noch auf den "gegenwärtigen Kenntnisstand" zu berufen. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten verhält es sich  unter Beachtung des oben erwähnten Kohärenz-Prinzips eben genau umgekehrt: Gemessen an der durch die unterschiedlichsten (nicht nur radiometrischen) Datierungsmethoden vielfach unabhängig bestätigten "zeitlichen Zuordnung der geologischen Systeme" (gegenwärtigen Kenntnisstand) entspricht es der plausibelsten Methode, die Hypothese von der Existenz eines nur wenig Tausend Jahren alten (autochthon in ein kreidezeitliches Sediment eingebetteten) Saurierfossils zu verwerfen und statt dessen den extrem langsamen Zerfall von Proteinen als günstigen Lagerungsbedingungen zu verdankendes Ereignis aufzufassen. Dies gilt umso mehr, als kein physikalisch-chemisches Prinzip gegen eine Langzeitkonversierung von Polypeptiden spricht, während der Zerfall organischer Materie bei der Fossilisation meines Wissens keine anerkannte Datierungsmethode darstellt.

Fazit

Üblicherweise behauptet die Studiengemeinschaft W+W, ihre Argumentation sei "religiös motiviert", sie würde jedoch der "Methodik der wissenschaftlichen Forschung" in vollem Umfang Rechnung tragen; schließlich könnten auch vor einem biblischen Hintergrund die "Erkenntnismöglichkeiten mit Hilfe der wissenschaftlichen Methodik … nach allen Regeln der Wissenschaftskunst ausgelotet werden" (Wort und Wissen 2006). Wie wir erörtert haben, besteht Naturwissenschaft jedoch nicht nur aus einem Rahmen zum Herumexperimentieren, in dem bestimmte "Methoden" und Standardoperationen zum Einsatz kommen. Naturwissenschaftes Vorgehen definiert sich in erster Linie durch die Prinzipien der Theorienbildung, also durch die Art und Weise, wie aus dem mithilfe der "wissenschaftlichen Methodik" gewonnenen Datenmaterial Schlüsse gezogen werden und welche. Wissenschaft beruht also auf einem rationalen Abwägeprozess, der sich an den argumentativen Erfordernissen bzw. an der Zielsetzung orientiert, Theorien bestmöglich objektiv zu evaluieren, die Welt durch sie mechanismisch zu erklären und ein in sich stimmiges Gesamtbild zu vermitteln, das mit dem Hintergrundwissen am besten harmoniert (Neukamm 2007).

Zu diesen Prinzipien gehört auch das oben beschriebene Kohärenzprinzip. Und gemessen an den für eine plausible wissenschaftliche Erklärung erforderlichen Prinzipien bezeugt Binders Text gerade die inakzeptable Verdrehung dessen, was wissenschaftliche Methodologie eigentlich bedeutet. Während in den Naturwissenschaften diejenige Interpretation bevorzugt wird, die mit der Gesamtheit der wohletablierten Theorien harmoniert, würde Binders Schlussfolgerung verlangen, nahezu die Gesamtheit unserer wohletablierten geologischen und tektonischen, evolutionären, kernphysikalischen und kosmologischen Theorien "infragezustellen", nur um eine unplausible Hypothese (die Existenz eines auf "deutlich unter eine Million Jahre" zu datierenden kreidezeitlichen Fossils) zu retten. Das wäre ungefähr so, als würde man versuchen, die Relativitätsphysik mitsamt den sie stützenden Theorien aus den Angeln heben, um die längst überholte Ätherhypothese wiederzubeleben, indem man sie willkürlich mit einigen ad-hoc-Hypothesen anreichert. Die Wissenschaft ging diesen Weg nicht, weil es weit plausibler erschien, die Ätherhypothese zu streichen, anstatt die gesamte Relativitätsphysik über Bord zu werfen.

Die kreationistische "Methodologie" ist also mit den Prinzipien einer ergebnisoffenen Wissenschaft, in der es keine a priori getroffenen Vorentscheidungen und Glaubenssätze geben kann, unvereinbar. Zumindest würde sie in sinnentstellender Weise verändert, wenn man ihr den Rahmen des irreversibel feststehenden Bibelworts (und damit den Glauben an eine nur wenige Tausende Jahre alte Erde) vorgäbe.

Literatur

Binder, H. (2007) Proteine aus einem fossilen Oberschenkelknochen von Tyrannosaurus rex.        

www.genesisnet.info/index.php?News=82

Bunge, M.; Mahner, M. (2004) Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft. Verlag S. Hirzel, Stuttgart.

Hemminger, H.-J. (1988) Kreationismus zwischen Schöpfungsglaube und Wissenschaft. EZW Orientierungen und Berichte Nr. 16, Stuttgart. http://ag-evolutionsbiologie.de/app/download/3169520602/ezw16.pdf

Neukamm, M. (2007) Wissenschaft und ontologischer Naturalismus. Eine Kritik antievolutionistischer Argumentation. In: Kutschera, U. (Hg.) Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen. Lit-Verlag, Münster.

Vollmer, G. (1995) Der wissenschaftstheoretische Status der Evolutionstheorie. In: ders.: Biophilosophie. Reclam-Verlag, Stuttgart, 92-106 (101).

Wort und Wissen (2006) Kurzcharakterisierung wichtiger Ursprungslehren. Die Position der Studiengemeinschaft Wort und Wissen. www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=presse/main.php&n=Presse.P05-1

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(*) Dementsprechend erfordert das Festhalten an solchen Positionen meist die Konstruktion einer Reihe unbegründeter Hilfsmodelle und ad-hoc-Hypothesen (wie z.B. einen enorm beschleunigten radioaktiven Zerfall, die Variabilität der Lichtgeschwindigkeit usw.), die dazu dienen, die mit ihnen nicht kompatiblen Erkenntnisse "wegzuerklären", wobei jedes so herbeikonstruierte Modell in aller Regel die Notwendigkeit weiterer Konstruktionen nach sich zieht, bis in den Bereich zwar nicht logischer aber praktischer Absurdität (s. Hemminger 1988).

 

Autor dieses Beitrags: M. Neukamm

                  


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol     07.06.07