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Bericht:

Wo befinden sich die Birkenspanner tagsüber bzw. wo befinden sie sich nicht?

Der Birkenspanner-Forscher Mike Majerus legt die Ergebnisse seiner 6-jährigen Feldstudie vor

          

Wer im Jahr 2003 die Evolutionsdebatte aufmerksam verfolgte, dem wird die erbitterte Schlacht um die Frage: "Wo befinden sich 99,9% der Birkenspanner tagsüber bzw. wo befinden sie sich tagsüber nicht?" wahrscheinlich noch im Gedächtnis sein. Hintergrund der Diskussion war der Streit, inwieweit das Paradigma von der Selektion weißer Birkenspanner auf rußgeschwärzten Baumstämmen durch differenziellen Vogelfraß den natürlichen Bedingungen entspricht. Führende Evolutionsbiologen zogen das klassische Paradigma in Frage, was im Lager der Intelligent-Design-Vertreter wahre Begeisterungsstürme ausgelöst hat [4,5,10,11].

Alles fing damit an, dass dem Biologen Kettlewell, der in den 1950er Jahren das Selektionsszenario begründete, unterstellt wurde, methodische Fehler begangen zu haben. So habe Kettlewell die Birkenspanner in seinen Experimenten mehr oder weniger gezielt auf Birkenstämmen freigelassen, wo sie in Wirklichkeit nur selten zu beobachten seien. Da sie sich in Wahrheit viel lieber in der Baumkrone unter Blättern und Zweigen versteckten, sei auch die typische Tarnfärbung, die nur an exponierter Stelle, an der Baumrinde, vor Fraß schütze, kaum ausschlaggebend für die relative Fitness bzw. Überlebenschancen der Birkenspanner-Morphen. Auch der Einfluss des differenziellen Vogelfraßes auf die Häufigkeitsverteilung der gesprenkelten typica- und der schwarzen carbonaria-Form sei nicht erwiesen. Fledermäuse, deren Ortungssystem sich von der Tarnfärbung nicht irreführen lässt, könnten die Populationsdynamik weit stärker beeinflussen, als Vogelfraß.

Auf der Suche nach Rissen in Darwins Theorie gingen die Vorwürfe so weit, dass die natürliche Selektion bei der Ausbreitung der Gene für helle oder dunkle Färbung in Birkenspanner-Populationen (und teilweise auch grundsätzlich) infrage gestellt wurde. Die Angelegenheit wurde vielfach so hingedreht, als würden veraltete Daten präsentiert und fehlinterpretiert, um das "evolutionistische Weltbild" zu stützen, woraus sich leicht der Eindruck erweckt lässt, die Anerkennung der Evolution sei nur auf Propagandatricks zurückzuführen. Schlagwörter, wie  "motten-eaten statistics" und "piltdown moth" machten die Runde. Ein prominenter deutscher Evolutionsgegner verfasste ein 51-seitiges Traktat, nur zu dem Zweck, die Evolutionsbiologen vorzuführen und zu behaupten, Intellektuelle seien in der Birkenspannerfrage über den Status der Selektion "fehlinformiert" worden [4]. In gewohnt markigen Worten schreibt Lönnig [5]:

"Eine ausführliche Untersuchung der Frage, wo sich Biston betularia in aller Regel tagsüber aufhält, bzw. nicht aufhält hat die Aussage von Sir Cyril Clarke und zuvor von Kauri Mikkola voll bestätigt: Die Birkenspanner rasten – von möglicherweise weniger als 0,1% aller Exemplare abgesehen – tagsüber nicht auf Baumstämmen, oder genauer, sie befinden sich nicht 'in exposed positions on tree trunks'. Mit diesem Forschungsergebnis fällt der Hauptpunkt heutiger Lehrbuchdarstellungen, der Selektion der unterschiedlichen morphs durch Vögel in Abhängigkeit von der Tarnung der Birkenspanner auf Baumstämmen. Anders lautende Behauptungen beruhen (1.) auf der eklatanten Fehlinterpretation zweier Tabellen von Majerus (1998), und/oder (2.) auf einer Verdrehung des Streitpunktes ... oder (3.) auf einer gezielten Ausblendung der entscheidenden wissenschaftlichen Tatsachen zur Frage, wo sich Biston tagsüber aufhält, bzw. tagsüber nicht befindet."

"Gegen die Extrapolation selektion[s]theoretischer Befunde von 'exposed positions on tree trunks' auf 'positions underneath, or on the side of, narrow branches in the canopy' sprechen einige Befunde, die jedoch noch weiter abgesichert werden müssen (die dunklen Birkenspanner scheinen im Blätterdach deutlich besser getarnt zu sein als die hellen; auf den Stämmen - wo sie normalerweise kaum rasten - ist es in unpolluted woodlands umgekehrt: die hellen sind besser getarnt). Sicher ist, dass die heutigen Lehrbuchdarstellungen zu Biston betularia an exponierten Positionen von Baumstämmen zu korrigieren sind. Das ist spätestens seit 1998 weltweit bekannt."

Weltweit bekannt war bis dahin allerdings nur, dass niemand so genau wusste, wo sich die meisten  Birkenspanner tagsüber genau aufhalten. Dem Selektionsszenario tat dies keinen Abbruch, denn die Korrelation zwischen der Luftverschmutzung und dem Melanismus der Birkenspanner war auch ohne Kenntnis der genauen adaptiven Ursachen derart eindeutig, so dass an der selektiven Anpassung (durch differenziellen Vogelfraß) kaum ein Experte, der in der Birkenspanner-Frage etwas Originäres zu sagen hatte, ernsthaft zweifelte. Alternativmodelle, die diesen Befund auch nur annähernd so gut erklären, gibt es  nicht [1,2,7,8]. Abgesehen davon ist es nicht gerade ein methodisch überzeugender Beleg, wenn man die Behauptung, 99,9% der Birkenspanner ruhten tagsüber nicht an exponierten Stellen der Birken, mit nichts anderem zu untermauern weiß, als mit dem fehlendem Wissen, wo 99,9% der Birkenspanner überhaupt ruhen [3,9]. Bis zur Klärung der Frage wird man doch am ehesten die Häufigkeitsverhältnisse jener Birkenspanner, deren Rastplatz man tatsächlich dokumentiert hat, als Faktum heranziehen. Alles andere erinnert an das typische "argumentum ad ignorantiam".

Doch inzwischen hatte sich der Pulverdampf verzogen und die Frage, wo Birkenspanner tagsüber rasten, geriet weithin in Vergessenheit. In der Zwischenzeit widmete sich Mike Majerus, unter Vermeidung der methodischen Probleme, die Kettlewells Experimente aufwarfen, der Frage, wo die Tiere denn nun wirklich rasten und ob differenzieller Vogelfraß tatsächlich für die Änderung der Häufigkeitsverhältnisse der Birkenspanner-Morphen verantwortlich ist. Majerus ist einer der Evolutionsforscher, die aufgrund ihrer Skepsis gegenüber Kettlewells Experimenten den Stein ins Rollen brachten. Nach jahrelanger intensiver Forschung präsentierte Majerus nun die Ergebnisse seiner Langzeitstudie am 23. August auf der ESAB Konferenz in Uppsala. In Bezug auf die Kardinalfrage, wie valide das in Schulbüchern gelehrte Szenario tatsächlich ist, hält Majerus  folgendes fest [6]:

  • "The majority (50,4%) of moths rest on lateral branches ... a significant proportion of moths (37%) do rest on tree trunks (so Kettlewell wasn’t so wrong in releasing his moths onto tree trunks)."
  • "I conclude that differential bird predation here is a major factor responsible for the decline in carbonaria frequency in Cambridge between 2001 and 2007."

  • There is no evidence of differential bat predation of the typica and carbonaria forms of the peppered moths."

Damit ist, nach allen bisherigen Daten, eindeutig erwiesen, dass das in Lehrbüchern unterrichtete Adaptationsszenario keiner grundsätzlichen Revision bedarf. Die von den Evolutionsgegnern losgetretene Kampagne erwies sich als Sturm im Wasserglas; ihre Schlussfolgerungen erwiesen sich als haltlos und ebenso fragwürdig, so wie man es dem "Birkenspanner-Paradigma" immer nur unterstellte. Die Folgerung, wonach 99,9% der Birkenspanner tagsüber nicht an exponierten Stellen der Birken sitzen, erwies sich als falsch. Man darf gespannt sein, ob die Evolutionsgegner, die so lautstark gegen die "Birkenspanner-Geschichte" opponierten, nun die Bereitschaft zeigen, ihre Position öffentlich zu revidieren oder zu neuerlichen Taktiken greifen, um ihren Standpunkt gegen Kritik zu immunisieren.

   

Literatur zum Thema:

[1] Grant, B.S. (1999): Fine Tuning the Peppered Moth Paradigm. From Evolution 53 (3), S. 980-984.

[2] Grant, B.S.; Wiseman (2002): Recent history of melanism in American peppered moths. J Hered, 93(2), S. 86-90.

[3] Kummer, C. (2006): Evolution und Schöpfung. Zur Auseinandersetzung mit der neokreationistischen Kritik...,

http://www.forum-grenzfragen.de/grenzfragen/open/webtodate/downloads/stdz0106kummer.pdf

[4] Lönnig, W.-E. (2003a): Rezension: Einige gravierende Fehlinformationen in Herrn U. Kutscheras Lehrbuch...,

http://www.weloennig.de/RezensionKutschera.html

[5] Lönnig, W.-E. (2003b): Biston betularia: Wo befinden sich 99,9% der Birkenspanner nach allen bisherigen Daten...?,

http://www.weloennig.de/BistonA.html

[6] Majerus, M. (2007): 'The Peppered Moth: The Proof of Darwinian Evolution',

http://www.gen.cam.ac.uk/Research/majerus.htm

http://www.gen.cam.ac.uk/Research/Majerus/SwedenPepperedmoth2007.ppt

http://www.gen.cam.ac.uk/Research/Majerus/Swedentalk220807.pdf

[7] Neukamm, M. (2003a): 'Einige Fehlinformationen in W.-E. Lönnigs Buchkritik zu Kutscheras Evolutionsbiologie',

http://www.martin-neukamm.de/loennig_kritik.html

[8] Neukamm, M. (2003b): Die Kontroverse um den Birkenspanner 'Biston Betularia',

http://www.martin-neukamm.de/biston.html

[9] Rudge, D. (2002): Cryptic Designs on the Peppered Moth (Book review of Jonathan Well's Icons of Evolution). International Journal of Tropical Biology and Conservation (Revista de Biologia Tropical) 50 (1), S. 1-7.

[10] Wells, Jonathan (2002a): Moth-eaten statistics. A reply to Kenneth R. Miller. Discovery Institute. April 16, 2002.

[11] Wells, Jonathan (2002b): The peppered myth. Christianity today. Books and Culture, September/October 2002.

        

Bildnachweis:

Bild rechts oben: Biston betularia (typica-Form). Aufnahme von Walter Schön (http://www.schmetterling-raupe.de/). Mit freundlicher Genehmigung des begeisterten Hobby-Fotografen, der seit 1983 bereits über 300 Schmetterlings-Arten bestimmt, teilweise gezüchtet und fotografiert hat. Die Hauptdatei des Mathematik-Lehrers umfaßt nach eigenen Angaben über 40000 Datensätze!      

Linkes Bild: Biston betularia (carbonaria-Form). Aufnahme von Ian Kimber (http://ukmoths.org.uk/). Mit freundlicher Genehmigung des Fotografen. 

        

Autor dieses Berichts: M. Neukamm

 


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol     03.09.07