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Gastkommentar:    

Dinosaurier - und was die Bibel dazu sagt

Die Studienstiftung Wort und Wissen antwortet der Evangelischen Kirche

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg äußerte sich im Juli 2007 kritisch zum Kreationismus und zur Bewegung "intelligentes Design" [1]. Ihre Grundsatzerklärung wurde inzwischen sowohl von der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin als auch von der Ev. Kirche in Deutschland (Kirchenamt in Hannover) auf deren Internetseiten übernommen und hat damit Bedeutung über Württemberg hinaus. Die Studiengemeinschaft "Wort und Wissen" (Röt/Nordschwarzwald) nahm zu dieser Erklärung Stellung [2], allerdings in einer Weise, die neue Fragen aufwirft.

Zuerst aber das Verbindende: Wenn WuW in der Diskussion um den Kreationismus für mehr Sachlichkeit plädiert, ist dies zu begrüßen. Auch ihre eigene Stellungnahme ist in sachlichem Ton gehalten, Menschen anderer Meinung werden nicht abgewertet. So weit, so gut. Dass sich WuW allerdings "nicht kreationistisch" nennt, stiftet Verwirrung. Denn es kommt nicht auf Etiketten, sondern auf Inhalte an. Die Übereinstimmung mit dem kreationistischen Schulbuch "Creatio", den Filmen des Dreilinden-Studios Berlin und den Büchern von Hans-Joachim Zillmer und Werner Gitt, dem "Schöpfungsmodell" des Schweizer Vereins Pro Genesis, dem "Institute for Creation Research" in Kalifornien usw. ist augenfällig, um nur einige Beispiele zu nennen. Deren Stil und Argumente mögen WuW nicht zusagen, und Unterschiede sollen nicht unter den Tisch fallen. Aber es handelt sich um Unterschiede innerhalb des Kreationismus, nicht um grundsätzlich andere Auffassungen.

Auch die Studiengemeinschaft kommt ohne Verzerrung der naturwissenschaftlichen Methoden und Inhalte nicht aus. (*) Ihr wichtigstes Mittel dazu wird in der erwähnten Stellungnahme benutzt, nämlich zwei Zitate, die belegen sollen, dass Evolutionsmodelle unter Wissenschaftlern selbst umstritten sind. Es lohnt sich kaum, diesen Zitaten nachzugehen. Aus ihnen folgt nichts zugunsten von WuW, ob sie richtig interpretiert wurden oder nicht. Die Studienstiftung lehrt ja nicht, dass die geltende Naturwissenschaft fragwürdig und hinterfragbar sei. Damit könnte man leben. Sie lehrt, dass die Erde 8000 Jahre alt sei, dass die Lebewesen sich nicht grundlegend verändert hätten und verändern könnten, dass die Erdgeschichte von der Sintflut her zu deuten sei und so weiter und so fort. All dies bleibt unmöglich, so viel man auch an derzeitigen Theorien kritisiert, und so viel interne Debatten der Naturwissenschaft man dokumentiert.

Wie eine Beschwörungsformel wird von WuW wiederholt, dass die Wissenschaftler selbst Zweifel an ihrer Sache hätten, dass es Probleme und Lücken aller Art gebe. Um jeden Preis wird der Schluss vermieden, dass all diese Lücken und Zweifel - ob sie tatsächlich existieren oder nicht, ist sogar zweitrangig - nichts dazu beitragen, die eigene Position zu stützen. Das ist so offensichtlich, dass man anders als bei kreationistischen Fanatikern und Ignoranten (WuW fällt in keine dieser Kategorien) von einer Strategie der Selbsttäuschung sprechen muss. Man kann der Studienstiftung sogar zubilligen, dass sie damit den menschlich anständigsten Weg wählt, eine unhaltbare Position zu verteidigen. Sie sollte allerdings bedenken, was sie bei naturwissenschaftlichen Laien anrichtet. Ihr Argumentationsstil findet sich in Leserbriefen, Gemeindevorträgen und Predigten wieder, in denen eine Anzahl scheinbarer Probleme der Evolutionstheorie aufgezählt wird. Danach sind die Autoren überzeugt, sie hätten etwas bewiesen. Dass sie verpflichtet wären, die vorhandenen Daten ebenso oder besser zu erklären als die Wissenschaft, kommt ihnen gar nicht in den Sinn.

Was bei WuW eine überlebensnotwendige Selbsttäuschung ist, wird in der Öffentlichkeit zu einer oft unerträglichen Arroganz. Richard Wiskin spricht zur Zeit im Auftrag von WuW in unseren Gemeinden zu dem Thema: "Dinosaurier - und was die Bibel dazu sagt". Es ist erstaunlich, dass der Vortrag überhaupt aus mehr als einem Wort besteht: Nichts. Aber da Richard Wiskins mehr über Dinosaurier sagt als nichts, wäre es die Pflicht von WuW, was er sagt wissenschaftlich zu erläutern und zu begründen. Das geschieht aber nicht. Zwischen der Propaganda auf Gemeindeebene und dem, was WuW an Argumenten aufbieten kann, gibt es kaum Beziehungen. Deshalb gilt es für die evangelische Kirche klarzustellen: Naturwissenschaft ist keine spekulative Übung, die man von willkürlichen Prämissen aus im luftleeren Raum der Ideen nach Lust und Laune betreiben könnte. Ihr Ausgangspunkt sind Sätze über beobachtbare Abläufe der Natur, die durch Forschung gefunden werden. Ihr Ergebnis sind Aussagen über die Gesetzmäßigkeiten dieser Abläufe in Form von Ursache-Wirkungsbeziehungen.

Wer solche Aussagen nicht vorweisen kann, betreibt keine Naturwissenschaft. Wer nicht paläontologisch über Dinosaurier mitreden kann, redet nicht naturwissenschaftlich. Deshalb stellt die Grundsatzerklärung der Evangelischen Kirche mit Recht fest, dass der Kreationismus keine naturwissenschaftliche Erkenntnis liefert. Er liefert leider auch keine gute Theologie der Natur. Die Studienstiftung behauptet nämlich in ihrer Stellungnahme, dass die naturwissenschaftliche Erd- und Naturgeschichte notwendigerweise atheistisch sei. Wenn "Gott" nicht als Begriff in naturwissenschaftlichen Theorien vorkommt, so die Argumentation, werde er geleugnet. (2*) Das ist ein Rückschritt gegenüber dem, was noch im Lehrbuch von WuW zwar nicht ganz richtig, aber differenzierter nachzulesen ist. Dort wird zwischen dem methodischen Naturalismus der Forschung und einem weltanschaulichen (besser ontologischen) Naturalismus unterschieden [3].

Zwar wird dann behauptet, exakte Naturwissenschaft [bzw. methodischer Naturalismus, M.N.] sei an die direkte Beobachtung gegenwärtig ablaufender Vorgänge gebunden, daher beschränke sich ihr Untersuchungsbereich vorrangig auf die Gegenwart (S.12f). Theorien über geschichtliche Abläufe hätten deshalb einen höheren Unsicherheitsgrad [und beinhalteten daher eher auch weltanschauliche Aspekte, M.N.]. Dass das nicht so ist, liegt auf der Hand. Wer hat schon einmal ein Photon direkt beobachtet? Die Theorie elektromagnetischer Wellen erklärt Beobachtungsdaten (Messergebnisse), so wie die Abstammungstheorie Beobachtungsdaten (Fossilien, Ähnlichkeiten in Körperbauplänen oder in Genen) erklärt. Theoretische Aussagen der Naturwissenschaft zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie unmittelbar durch Beobachtung überprüfbar sind. Das trifft eher selten zu. Sie zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sich von ihnen Schlussfolgerungen ableiten lassen, die empirisch prüfbar sind. Ist das nicht der Fall, handelt es sich nicht um naturwissenschaftliche Aussagen. Aber immerhin gibt es in dem erwähnten Lehrbuch die Einsicht, dass nicht beobachtbare und manipulierbare Ursachen oder Bedingungen des Naturgeschehens (und dazu gehört Gottes Handeln sicherlich) aus methodischen Gründen nicht in naturwissenschaftlichen Theorien vorkommen können.

Wo und wie ist diese Einsicht entfallen? Handelt es sich um den Einfluss der Argumente für ein "intelligent design", die zunehmend aus den USA zu uns dringen? Vielleicht können wir uns in Europa trotzdem darauf besinnen, dass ein Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, die Naturgesetze mit geschaffen hat, die Wissenschaftler nachträglich (und immer nur unvollständig) entdecken. Dann wären wir wenigstens was die Schöpfungstheologie angeht, nahe beieinander. Das christliche Verständnis der Heiligen Schrift, das von WuW ebenfalls angesprochen wird, ist eine andere Frage. Vermutlich müssten wir uns darauf einigen, hier verschiedener Meinung zu sein. Man darf das in der evangelischen Kirche auch sein. Nur ein theologischer Hinweis zum Schluss: Gottes Wahrheit ist nach aller christlichen Tradition nicht (wie WuW es sagt) im Bibeltext offenbart, sondern in Person und Werk Jesu Christi. Aber das dürfte schon mehr Theologie sein, als man den Internet-Seiten der AG Evolutionsbiologie unerläutert zumuten sollte.

Quellen

[1] Grundsatzerklärung der Evangelischen Landeskirche Württemberg zum 'Kreationismus'

[2] Genesisnet (22.08.07): Kommentar zur Grundsatzerklärung der Ev. Landeskirche Württemberg,

[3] Junker, R.; Scherer, S. (2006): Evolution - ein kritische Lehrbuch, 6. Auflage, Weyel Lehrmittelverlag, Gießen.

   

Hansjörg Hemminger

       

______________________________________________________

Ergänzende Kommentare [M.N.]:     

(*) Siehe hierzu beispielsweise Kritische Anmerkungen zu einem Text der SG Wort und Wissen.

(2*) Das Bestreben, Gott als erklärenden Faktor in naturwissenschaftlich beschriebene Zusammenhänge zu integrieren, liest sich bei W+W beispielsweise so: "Zum Begreifen von Schöpfung, ihrer Herkunft, gegenwärtigen Beschaffenheit und Zukunft, reichen nach unserer Überzeugung wissenschaftliche Erkenntnisse nicht aus, sondern es bedarf der Integration im Wort Gottes geoffenbarter Wahrheiten" [2].

   


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol     25.09.07          Last update: 27.09.07