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Kommentar:    

"Götter und Designer bleiben draußen"

Eine kritische Besprechung der Diskursanalyse von R. Schmidt

         

Im Sommer 2007 erschienen in der Zeitschrift "Religion, Staat, Gesellschaft - Zeitschrift für Glaubensformen und Weltanschauungen" mehrere Beiträge pro Schöpfung bzw. Intelligent Design. Einer dieser Beiträge ist insofern interessant, als er die Diskurstechniken einer ganzen Reihe von Evolutionsbiologen und Medienvertretern untersucht und als "unwissenschaftlich" anprangert. Dabei handelt es sich um den Beitrag von Robert Schmidt, der den Mediendiskurs über Schöpfung und Evolution aus soziologischer Perspektive analysiert (Schmidt 2007). Unter dem Titel "Götter und Designer bleiben draußen" will Schmidt zeigen, dass die Evolutionsbiologen in der Auseinandersetzung mit Intelligent Design und anderen Schöpfungslehren nicht auf Sachargumente, sondern auf mediale Machtmittel zurückgreifen, um den Diskurs zu ihren Gunsten zu entscheiden.

In welche Richtung der Autor argumentiert, ersieht man vor allem in der Schlussbetrachtung, wo es heißt: "Wir dürfen gespannt sein, wer als nächstes wegen evolutionskritischer Stellungnahmen von ideologisch motivierten Vertretern innerhalb des Verbandes Deutscher Biologen als 'Evolutions-Leugner' öffentlich gebrandmarkt wird. Die hier aufgezeigte Ideologieanfälligkeit der biologischen Wissenschaften macht u. a. deutlich, daß wir dringender denn je eine kritische Theorie der Naturwissenschaften benötigen". Kein Zweifel, die Arbeit ist eine Streitschrift wider die Evolutionstheorie und ihre Hauptvertreter im Dachverband, verbunden mit dem Ziel, für eine breite Akzeptanz der Positionen des Intelligent Designs in der Gesellschaft zu werben. Leider lassen die Mittel, derer sich Schmidt bedient, deutlich an Substanz und Sachlichkeit vermissen. Weshalb die Diskursanalyse für eine methodologische Betrachtung der Debatte über Schöpfung und Evolution ungenügend ist, wird in der kritischen Besprechung erörtert. Danach lässt sich Schmidts Analyse wie folgt bewerten:

  1. Schmidt ignoriert die wissenschaftstheoretische Kritik an Intelligent Design und weicht dem Bewertungsproblem der konkurrierenden Methodologien (unspezifisches Design vs. kausale Erklärungsstrategie der Evolutionsbiologie) völlig aus. Da er sich selbst über den vermeintlich ideologischen Charakter der Evolutionstheorie und über die Wissenschaftlichkeit der Lehre vom Intelligent Design auslässt, kann der Diskurs jedoch nicht auf die soziologische Analyse verengt werden. Vielmehr müssen auch wissenschaftslogische Reflexionen angestellt werden, soll die Betrachtung nicht in einen fruchtlosen Streit über Umgangsformen abgleiten. Man kann sich sogar fragen, ob nicht ein Kategorienfehler vorliegt, wenn anhand sozialwissenschaftlicher Betrachtungen Urteile über naturwissenschaftliche Weltbilder und Methodologien gefällt werden, die eine wissenschaftstheoretische Betrachtungsweise erfordern.

  2. Die Behauptung, der Diskurs über Struktur und Inhalte antievolutionistischer Argumentation werde nicht angemessen ("nahezu gänzlich ohne wissenschaftliche Argumente") geführt, ist so undifferenziert wie sie falsch ist. Nur durch selektive Wahl der Literatur gelingt es dem Autor, diesen Eindruck zu erwecken. So zitiert Schmidt vorrangig aus Artikeln und Berichten in überregionalen Tageszeitungen oder Internetmagazinen, in denen eine diffizile fachwissenschaftliche Argumentation wegen der breiten Zielgruppe und der eher gesellschaftspolitischen Bedeutung der Texte kaum möglich ist. Wissenschaftliche und wissenschaftsphilosophische Arbeiten, die man hätte untersuchen müssen, glänzen durch Abwesenheit.

  3. In der Analyse wird insinuiert, die Ablehnung des Intelligent Design stütze sich auf keine Bewertungskriterien mit Ausnahme des subjektiven Konsenses, über den bestimmt, "wer im Kräftefeld der institutionellen Machtverhältnisse über die größere Definitionsgewalt verfügt und damit auch die Deutungen der Realität mitbestimmen kann" (S. 170). Welche Theorien akzeptiert und welche abgelehnt werden, wird aber nicht politisch "ausgekungelt", sondern im Rahmen eines rationalen Abwägeprozesses in der Wissenschaftsgemeinschaft entschieden, auch wenn das Eintreten für gesellschaftliche Ziele politischer Natur ist. Dabei schart zwangsläufig die Mehrheit hinter sich, wem es gelingt, durch die besseren Argumente und fruchtbareren Methodologien zu überzeugen. Wären alle Deutungen gleichberechtigt - wäre nur der soziale Konsens ausschlaggebend - wäre die Arbeit an wissenschaftlichen Weltbildern nur ein unverbindliches Spiel ohne kognitive Relevanz.

  4. Schmidts These, wonach ID durch instrumentelle und institutionelle Machtmechanismen unterdrückt wird, ist nicht haltbar. Selbst wenn sich einzelne Wissenschaftler im Diskurs ideologisch verhalten, mobilisiert die Wissenschaftsgemeinschaft Selbstreinigungskräfte, um das Verhalten zu sanktionieren. Vor diesem Hintergrund ist letztlich die Ablehnung gegenüber ID zu sehen. Auch Evolutionskritik kommt, sofern sie wissenschaftlich ist, aus der Mitte der Evolutionsbiologie selbst. Wissenschaftshistorisch gibt es kein überzeugendes Beispiel, das belegt, dass eine erklärungsmächtige Theorie auf längere Sicht unterdrückt werden konnte.

  5. Die Art und Weise, wie Schmidt die Sperrung der MPIZ-Website von W.-E. Lönnig diskutiert, ist intellektuell inakzeptabel. Schmidt verdreht den Streitpunkt in der Auseinandersetzung, übergeht relevante Beiträge, die für die Beurteilung des Falles von eminenter Bedeutung sind und gebraucht weitgehend selbst jene rhetorischen Stilmittel, die er in der Medienberichterstattung über Intelligent Design anprangert. Bezüglich der Darstellung des Falles bleibt er weit hinter dem aktuellen Stand der Diskussion zurück, der in Kutschera (2007) dokumentiert ist.

  6. Die meisten Stilmittel, die Schmidt als unangemessen zurückweist (z.B. die Bezeichnung von ID als "wissenschaftlich verkleidete Glaubenslehre"), sind in wissenschaftstheoretischer Hinsicht wohl begründet, auch wenn sie vordergründig betrachtet unangemessen pejorativ erscheinen. Dementsprechend ist auch der Verweis auf die religiöse Motivation der Evolutionskritik keine abwertende Rhetorik, sondern ein Hinweis auf die Tendenz zur subjektiven Validierung empirischer Daten, die in den Naturwissenschaften grundsätzlich inakzeptabel ist: Im Antievolutionismus haben bestimmte Glaubensentscheidungen Vorrang vor der hypothetisch-deduktiven Theorienbildung.

  7. Der Autor hat den Naturalismus in der Evolutionsbiologie nicht verstanden. Der Naturalismus ist keine "quasireligiöse" Veranstaltung, sondern ein essentielles methodologisches Prinzip, das als solches revidierbar ist und daher eher eine ontologische "Nullhypothese" (das genaue Gegenteil einer religiösen Weltanschauung) darstellt. Methodisch wird in der Evolutionsbiologie nicht grundlegend anders verfahren, als in anderen Naturwissenschaften ( Wissenschafts- und erkenntnistheoretische Grundlagen).

         

Quellen

Kutschera (2007) Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen. Lit-Verlag, Münster.

Schmidt, R. (2007) "Götter und Designer bleiben draußen". Eine kritische Diskursanalyse der Medienberichterstattung zu Intelligent Design im deutschsprachigen Raum. Religion - Staat - Gesellschaft 7(2), 135-184.

Besprechung von: "Götter und Geister bleiben draußen"

   

Dank

Für kritisches Gegenlesen danke ich Dr. Andreas Beyer.

     

Autor dieses Newsbeitrags: M. Neukamm        

     


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol     24.10.07