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Review:    

"Either Design or Common Descent"

Gert Korthof über das Buch "The Edge of Evolution" von M. Behe

         

Kaum ein evolutionskritisches Buch war in den letzten Monaten so umstritten, wie The Edge of Evolution von Michael Behe, das im Juni 2007 in The Free Press erschien. Kurz nach der Veröffentlichung schlug Behe eine Welle kritischer Rezensionen entgegen, unter anderem in so renommierten Journalen wie Science, Nature oder in auflagenstarken Tageszeitungen wie in der New York Times.

Gert Korthof hat über das Buch eine sehr lesenswerte Rezension verfasst. Meines Erachtens ist sie eine der besten Kritiken zu "The Edge of Evolution", denn sie analysiert viele grundsätzliche Aspekte der Intelligent-Design-Thematik, deren Bedeutung über Behes Buch hinausgeht. Der folgende Artikel ist die ausführliche deutsche Zusammenfassung von Korthofs Buchbesprechung. Einige Kapitel (z.B. der 10. Abschnitt) wurden fast vollständig übersetzt, andere hingegen in gekürzter Form übertragen. Andere Teile wurden wiederum in eigenen Worten zusammengefasst oder durch entsprechende Überlegungen ergänzt. Da ich kein professioneller Übersetzer bin, ist es nicht auszuschließen, dass sich Übertragungsfehler eingeschlichen haben. Aus diesen Gründen bietet es sich auf jeden Fall an, auch den englischsprachigen Original-Artikel zu lesen (Korthof 2007). Im Folgenden seien die zentralen Kritikpunkte an Behes Buch kurz genannt:    

  1. Das Buch enthält keine Darstellung der "Intelligent-Design-Theorie", ja noch nicht einmal einen theoretischen Ansatz. Neun der zehn Kapitel widmen sich ausschließlich den (vermeintlichen) Limitierungen der Darwinschen Theorie, das zehnte Kapitel der so genannten "Feinabstimmung" der Naturgesetze. Aber in keinem wird dargelegt, was Behe unter "design theory" verstanden haben möchte.

  2. In Behes Ansatz stecken zwei zentrale Widersprüche: a.) Behe akzeptiert erklärtermaßen die Theorie der gemeinsamen Abstammung (Deszendenztheorie). Die Hypothese von der intelligenten Erschaffung bestimmter Organismengruppen ist jedoch mit der Theorie der gemeinsamen Abstammung unvereinbar. b.) Die separate Schöpfung der Vertebraten widerspricht Behes Vorstellung, wonach sich der Schöpfungsakt möglicherweise nur in den Anfangsbedingungen des Lebens offenbare.

  3. Behes logischer Kraftschluss zwischen intelligent Design und den Grenzen der Evolution ist nicht intersubjektiv nachvollziehbar. Vielmehr beruht sein Design-Argument auf einer versteckten theologischen Prämisse: Die gegenwärtigen Wissenslücken in der Evolution komplexer Systeme stellen eine prinzipielle Erkenntnisgrenze dar, bei deren Überwindung nur ein transnaturales Wirkprinzip weiterhelfen kann.

  4. Behe versucht, die gemeinsame Abstammung der Arten und die Mechanismen der Evolution zu entkoppeln: Eine gemeinsame Abstammung wird (vordergründig) akzeptiert, durchgehend natürlich beschreibbare Evolutionsmechanismen hingegen nicht. Dabei übersieht Behe, dass beide Sachverhalte (Deszendenz und natürliche Mechanismen) in einer engen Relation der Erklärung stehen: Werden die Mechanismen von der Abstammungstheorie entkoppelt und durch ein unspezifisches "Design" ersetzt, können die meisten  Phänomene in der Molekularbiologie, Embryologie usw. nicht mehr spezifisch erklärt werden ( Neukamm 2007).

  5. Die Verknüpfung zwischen den natürlichen Mechanismen der Evolution und der gemeinsamen Abstammung ist stärker als Behe realisiert zu haben scheint So führt Behe eine Reihe von Belegen zugunsten der Theorie gemeinsamer Abstammung an, die auf zufälligen genetischen Variationen in Kombination mit den Mechanismen Gendrift, Gentransfer, Genduplikation, Gene-tinkering usw. beruhen. Ein wie auch immer geartetes "intelligentes Design" spielt beim logischen Kraftschluss zwischen dem Phänomen Deszendenz und der Erklärung keine Rolle.

  6. Zahlreiche Details hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen der Evolution sind bislang noch nicht hinreichend erforscht. Sie werden im Rahmen evolutionsbiologischer Forschungsprogramme nach und nach geklärt. Behe aber interpretiert die offenen Fragen der Evolution als prinzipielle Grenze der evolutionären Mechanismen sowie als Hinweis auf ein "intelligentes Design". Nun sind aber die Mechanismen der Evolution(stheorie) mit den in der Embryonalentwicklung vorherrschenden Mechanismen eng verknüpft; das heißt, die offenen Fragen der Evolution sind zu einem guten Teil offene Fragen der Entwicklungsbiologie! Folglich könnte (bzw. müsste) man auch in der Embryonalentwicklung "intelligente Eingriffe" postulieren, was offensichtlich absurd wäre.

  7. Behe argumentiert für eine intelligente Feinabstimmung der Naturgesetze, die in diesem Universum überhaupt erst Leben ermöglicht. Hinter dem Begriff "Feinabstimmung" steckt jedoch nicht mehr, als die offensichtlich triviale Feststellung, dass bestimmte Eigenschaften der Materie notwendig sind, um Leben hervorzubringen. Wenn die spontane Entstehung intelligenten Lebens zu der Annahme berechtigt, dass die Naturkonstanten "fein aufeinander abgestimmt" wurden, könnte man genauso gut auch behaupten, dass die vermeintlichen "Grenzen der Darwinschen Evolution", die angeblich "intelligente Eingriffe" erforderlich machten, die These von der Feinabstimmung der Naturgesetze widerlegt. Die Folgerung, dass die Welt gezielt so erschaffen wurde, damit es Leben gibt, kann immer nur als willkürliche, empirisch unbegründete Annahme vorausgesetzt werden.

  8. Behe siedelt "zufällige Mutationen" im Bereich kontingenter Phänomene an und trennt sie ihrem Wesen nach von der Kategorie "Naturgesetze". Diese Zuordnung ist unlogisch, denn alle gesetzlich miteinander korrelierenden Eigenschaften makroskopischer Systeme ("Naturgesetze") beruhen schlussendlich auf zufälligen mikrophysikalischen Schwankungen. Umgekehrt sind auch die Ergebnisse genetischer Variation nicht rein zufällig, sondern resultieren aus den gesetzmäßigen Eigenschaften der DNA bzw. den vielfältigen Variationsmechanismen. So besteht eine der chemischen Eigenschaften der DNA darin, dass sie zwar zuverlässig aber nicht völlig fehlerfrei repliziert wird. Die Kopierfehler sind statistischer Natur, obwohl die physico-chemischen Gesetzmäßigkeiten enorm in die Zufallsverteilung eingreifen. Andererseits sind "nonrandom mutations", auch wenn sie hilfreich wären, keine Eigenschaften der DNA.

  9. Behe behauptet, die wesentliche Stütze der Evolutionstheorie beruhe auf der theologischen Annahme darüber, was der Designer angeblich nicht tun würde: Evolutionsbiologen vertrauten auf einen Gott mit der von ihnen selbst konstruierten Eigenschaft, dass er niemals Lebensformen mit den ihnen eigenen Merkmalen hervorgebracht hätte. Diese Behauptung führt insofern in die Irre, als kein Evolutionsbiologe je behauptet hat, die Evolutionstheorie sei genau deshalb evident, weil ein Designer die zu beobachtenden Merkmale nicht erschaffen würde. Vielmehr funktioniert das Argument umgekehrt: Die Existenz des Designers ist genau deshalb unbegründet, weil er nichts spezifisch erklären kann: Solange niemand Aussagen darüber treffen kann, welche Merkmale aufgrund welcher kausalen Prinzipien und Limitierungen der Designer nicht erschaffen könnte, lässt sich auch nicht sagen, welche Merkmale bzw. Strukturen er tatsächlich erschuf (bzw. erschaffen kann). 

    Die Evolutionstheorie ist diesbezüglich in einer anderen Position: Es gibt Limitierungen, die sowohl aus den Mechanismen der Ontogenese als auch der Kontingenz gemeinsamer historischer Abstammung resultieren. Danach "verbieten" sich bestimmte Merkmale oder Umwandlungsschritte (Stichwort: "evolutionäre Kompromisslösungen", Mosaikevolution etc.), da die Lebewesen schließlich "nicht wegen Umbau vorübergehend schließen" können. Dadurch treten wiederum andere Umwandlungsschritte mit nahezu naturgesetzlicher Notwendigkeit (und oft mehrmals parallel) auf. Derartige constraints lassen sich grundsätzlich empirisch bestimmen und anhand der Struktur des "natürlichen Systems" verifizieren, wodurch die Evolutionstheorie immer wieder aufs Neue bestätigt wird.

  10. Nach Behe wurden die meisten Organismen gezielt erschaffen, inklusive der meisten pathogenen Keime. Auch die Malaria sei, so Behe, "gezielt erschaffen" worden. Logisch mag dieser Standpunkt vertretbar sein, doch aus ethisch-moralischer Perspektive müssen bei solchen Aussagen die Alarmglocken läuten. Wer könnte und wer dürfte es sich unter diesem Gesichtspunkt noch erdreisten, die Malaria (oder beispielsweise HIV) zu bekämpfen, wenn es sich dabei um einen Teil der Schöpfung handeln könnte? Soll der Kampf gegen AIDS, die Malaria oder andere "Geißeln der Menschheit" abgeblasen werden, weil er mit dem Willen Gottes in Konflikt steht? Behe muss sich den Vorwurf gefallen lassen, seine  Leserschaft auf ein weltanschauliches Minenfeld zu führen, ohne ihr den Weg zu weisen, geschweige denn ihr die oben diskutierten Risiken in medizinisch-ethischer Hinsicht vor Augen zu führen. Ein solches Vorgehen ist nicht nur unverantwortlich. In Anbetracht der moralischen Überheblichkeit der Keilstrategen gegenüber dem evolutionären Weltbild sind die Folgen für das moralische Fundament des von ihnen propagierten Biblizismus weitaus verheerender; vom Schicksal der Betroffenen ganz zu schweigen.

         

Quellen

Korthof, G. (2007) Either Design or Common Descent.

Neukamm, M. (2007): "Either Design or Common Descent". G. Korthof über das Buch The Edge of Evolution

   

Autor dieses Newsbeitrags: M. Neukamm        

                            


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol     26.12.07