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Bericht:
Soulsaver - Turn
or burn!
Jugendliche im Visier evangelikal-fundamentalistischer Gruppierungen
Ein
Kleinwagen parkt vor einem Gebäude. In blauen Lettern vor lodernden
Flammen prangt im Graffiti-Style der Slogan "turn or burn" (z. dt.: "Kehre
um oder brenne") auf dem Wagen (1). Er gehört einer evangelikalen
unabhängigen Glaubensgemeinschaft aus Süddeutschland, die sich
"Soulsaver" (z. dt.: "Seelenretter") nennt. Das Bild ist auf ihrer Homepage
(www.soulsaver.de), die auf mehreren verschiedenen Sprachen existiert und
über zahlreiche Domains erreicht werden kann, wie auch auf ihrer
Facebook-Seite (www.facebook.com/soulsaver.de) zu sehen. Hier gibt es neben
Audiodateien und Filmen nahezu täglich neue Artikel und Blogeinträge
zu aktuellen Themen, die sie in Bezug zu ihrer Religion setzen. Die "Soulsaver"
sind eine durch Spenden finanzierte Organisation, deren Lehre auf der
wörtlichen Auslegung der Bibel basiert.
2010 auf dem Rock-im-Park-Festival in Nürnberg
Ein großer roter Bus, besprüht mit den Slogans "Bitte lies die
Bibel" und "Jesus lebt", steht zwischen den verschiedensten
Non-Food-Ständen auf dem Festivalgelände. Vor dem Bus findet man
viele Tische voller ausgebreiteter Bücher. Ein junger Mann reckt seinen
Arm in die Höhe, in der Hand eine Bibel. "Was viele ja gar nicht wissen:
Die Bibel ist ein höchst wissenschaftliches Buch!", höre ich ihn
sagen. Johannes heißt er. Er ist ein christlicher Missionar und bezeichnet
sich selbst als Helden, der das Wort der Bibel verkündet, ebenso wie
seine Kollegen, die damit beschäftigt sind, Festivalbesucher in
Gespräche über Gott zu verwickeln und ihre Bücher zu verschenken.
Man findet die "Soulsaver" nicht nur in Nürnberg auf dem "Rock im Park",
sondern auf diversen Festivals und Konzerten vorwiegend im süddeutschen
Raum, z.B. "Southside Festival" (2), "Summerjam" (3), "Chiemsee Reggae Summer"
(4), "Sonnenrot Festival" (5), "splash! Festival" (6), an Samstagen in der
Münchener Innenstadt, auf Gothic-Treffen (7), auf dem Oktoberfest in
München (8) und natürlich - im Internet. Auf ihrer Seite schreiben
sie selbst, sie seien "ja auf nahezu jedem Festival zu finden" (9).
In ihrem ebenfalls zum freien Download angebotenen Bücher-Repertoire
finden sich Bücher wie beispielsweise "Rock im Sarg", in denen neben
Biographien früh verstorbener Größen der Rockmusik auch der
Schluss zu finden ist, dass Rockmusik tödlich sei (10). Ungeachtet der
jeweiligen Todesursachen werden hier die verschiedensten Musiker gemeinsam
in eine Schublade gesteckt, ob Drogensucht, Suizid, langwierige und unheilbare
Krankheiten, Mord oder Unfälle. Passenderweise sind Rockfestivals und
das "Rock im Park" im Speziellen für die "Soulsaver" somit gottlose
Orte, die "für falsche Freiheit und ungezügelte Orgien aus Drogen,
Sex, Bier und Lärm" (11) stehen und den Menschen "weg vom Schöpfer"
(11) lenken. Rockmusik - das sei "Gehirnwäsche" (12) für die Massen,
vor allem für Kinder und Jugendliche.
Auf ihrer Homepage ist ein
Film
über das Rock-im-Park-Festival zu sehen, der versucht, das Festival
in einem extrem schlechten Licht darzustellen, wobei durch Bibelzitate zum
Verfall der Menschheit ein grotesker religiöser Zusammenhang konstruiert
wird. Das allerdings ist wenig verwunderlich, wenn man die Ideologie der
"Soulsaver" betrachtet. Dazu reichen ein paar Minuten auf ihrer Website oder
ein kurzes Gespräch an einem ihrer Stände, denn sie bedienen alle
gängigen Vorstellungen, die man von fundamentalen christlichen Kreationisten
erwartet: Sie diskriminieren offensiv Homosexuelle und Transgender, bezeichnen
diese sexuellen Neigungen gar als "Verrücktheiten und Perversitäten"
(13), die man heilen könne, wenn man nur fest genug an Gott glaube und
motiviert sei, das "Problem mit der Homosexualität zu überwinden"
(14). Sie gehen sogar soweit, eine statistisch höhere Selbstmordrate
bei Homosexuellen als Indiz dafür heranzuziehen, dass Homosexualität
unnatürlich sei (15) - ungeachtet der Rolle, die sie selbst als
Fundamentalisten in dieser Statistik spielen. Sie schüren Homophobie
und erschweren so das Leben schwuler und lesbischer Menschen in unserer
Gesellschaft, indem sie direkt gegen Aufklärung und Gleichberechtigung
arbeiten.
Doch nicht nur der Sex zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen wird von
ihnen verachtet, auch Sex außerhalb der Ehe ist ihnen ein Dorn im Auge,
da es ihrer Meinung nach dem Gesetz Gottes widerspreche: "Der Schöpfer
kennt sich damit am Besten aus, denn es ist seine Erfindung" (16). Ähnlich
steht es mit Pornographie, von der sie behaupten, sie führe zu
Pädophilie, Sodomie und Nekrophilie (17), sowie zu Masturbation, die
sie als "Selbstbetrug" (18) deklarieren. Pornographie ist sicherlich nicht
auf allen Ebenen unbedenklich, jedoch veranschaulicht dieses Beispiel sehr
gut, wie willkürlich ihre Behauptungen und wie verblendet ihre
Schlüsse sind. Mit dieser weltfremden Sexualmoral versuchen die "Soulsaver"
jungen Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden und bringen diese
natürlichen sexuellen Verhaltensweisen in Zusammenhang mit ewiger Qual
in der Hölle. Es ist befremdlich anzuschauen und besorgniserregend zugleich,
wie sehr die Ethik der Evangelikalen aufgrund einer engstirnigen, fundamental
religiösen Weltanschauung gegen die natürlichen, biologisch
begründeten Bedürfnisse des Menschen gerichtet ist.
Ebenfalls diskriminieren sie Andersgläubige sowie Atheisten (19) und
karikieren deren Weltbild bis ins Unkenntliche: "Wenn es keinen Gott gibt,
dann ist alles erlaubt" (20) ist eine Botschaft ihres Videos
Atheismus-Wahn.
Dabei wird diese von Fjodor Dostojewski stammende Aussage, die Jean-Paul
Sartre verwendete, um zu zeigen, dass der Mensch sich nicht auf eine gottgegebene
Moral stützen könne, ins Gegenteil verkehrt und für die eigenen
Zwecke missbraucht. Sie drohen Menschen, die einer anderen oder keiner Religion
anhängen, mit dem ewigen Feuer, versuchen Angst zu schüren, indem
sie von Sünden, Vergebung und der ewigen Verdammnis erzählen. Sie
sehen in der Umkehrung von der Sünde und der Annahme von Jesus und dem
christlichen Gott als Erlöser die einzige Möglichkeit der Hölle
zu entgehen. "Turn or burn" - das ist hier tatsächlich Programm, so
absurd es klingen mag.
Diese veralteten und bibeltreuen Ansichten werden abgerundet durch eine Ablehnung
der modernen Wissenschaft, im Speziellen der Evolutionstheorie (21). Ihre
Argumentation gegen die Theorie zur Entwicklung des Lebens fußt auf
einer Unkenntnis der empirischen Befunde als auch einer Herstellung logisch
und wissenschaftlich falscher sowie zirkulärer Begründungsstrukturen,
womit sie letztendlich zu der Schlussfolgerung gelangen, dass ein "klarer
Indizienbeweis" (22) für eine göttliche Schöpfung vorliege.
Man gewinnt den Eindruck, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse hier nicht
nur aufgrund mangelnden Fachwissens sondern vor allem aus ideologischen Motiven
abgelehnt werden, um den Glauben an eine göttliche Schöpfung zu
stützen, die vor höchstens 10.000 Jahren stattgefunden haben soll.
Hierbei gilt der Leitsatz: Widerspricht die Wissenschaft dem Glauben an eine
Schöpfung, ist sie fehlerhaft und teuflisch, stützt sie ihre
Argumentation, ist sie ihnen gerade recht. Ohne irgendeine Quelle wird in
dieser Manier beispielsweise darauf verwiesen, dass Fossilien als Belege
für eine Sintflut und gegen ein Erdalter von 4,55 Milliarden Jahren
angesehen werden müssen (22). Es wird zudem auf philosophischer Ebene
ein Bild konstruiert, welches Evolutionstheorie und christlichen Glauben
als zwei miteinander konkurrierende Glaubensmodelle zeigt und sogar soweit
geht, den Schöpfungsglauben als überlegene Weltanschauung darzustellen.
Auch in anderen Themengebieten vertreten die "Soulsaver" größtenteils
wirre und fundamentalistische Ansichten. So sympathisierten sie etwa mit
den Aussagen Eva Hermans (23) zur Loveparade 2010 und halten Harry Potter
für ein Werkzeug des Teufels, da es in den Büchern um Zauberei
und Magie geht (24,25). So sei es "Fakt", dass "Inhalte von Buch und Film
dazu motivieren, sich direkt mit teuflischen Mächten einzulassen" (25).
Hier wird erneut deutlich, wie wenig die Fähigkeit zur Differenzierung
vorhanden ist, deren Mangel auch bei der wörtlichen Auslegung der Bibel
zum Ausdruck kommt.
All ihre Aktionen lassen den Schluss zu, dass die durch private Spender
unterstützte Organisation über nicht unerhebliche finanzielle Mittel
verfügt. So buchen sie Stellplätze auf unterschiedlichen Festivals
- auf dem "Rock im Park" sind sie gar schon seit 20 Jahren vertreten - und
erzielen dort keine Einnahmen, da sie ihre Bücher verschenken.
Ihre Bücher, ihre Homepage, sowie ihre Autos, Bullis, Wohnwagen und
der Bus tragen allesamt ein Graffiti-Design, welches vor allem auf Jugendliche
ansprechend wirkt und paradoxerweise Teil genau jener Jugendkultur ist, die
sie ablehnen. Ihre Missionsversuche an Orten, an denen vorwiegend Jugendliche
und junge Erwachsene zu finden sind, zeigen deutlich, dass sie genau auf
diese Altersgruppen abzielen. Junge Menschen, die sich oftmals noch nicht
viele Gedanken über ihre Weltanschauung gemacht haben, ja vielleicht
gar auf der Suche nach dem Sinn in ihrem Leben sind - das sind die perfekten
Seelen, die es zu fangen gilt. "Soulcatcher" wäre vielleicht ein passenderer
Name, denn von Rettung kann kaum die Rede sein. Wovor sollen die Menschen
gerettet werden? Davor, eine aufgeklärte und wissenschaftliche Sicht
auf die Welt zu entwickeln?
Der Einfluss solcher Gruppierungen auf Jugendliche in Deutschland sollte
keinesfalls unterschätzt werden, denn er wächst - nicht zuletzt
durch die Möglichkeiten des Internets über Facebook, Twitter und
Co. - stetig an und wirkt einer aufgeklärten Gesellschaft diametral
entgegen. Niemand sollte einer Gruppierung Raum gewähren, die derart
offensiv viele verschiedene Menschengruppen verurteilt und gleichzeitig eine
der wichtigsten naturwissenschaftlichen Errungenschaften aus ideologischen
Gründen leugnet. Man muss es so deutlich sagen: Solche
evangelikal-fundamentalistischen Gruppierungen sind eine intellektuelle und
gesellschaftliche Gefahr.
Das Rock-im-Park-Festival geht hierbei mit gutem Beispiel voran: Die
Festivalveranstalter, denen Toleranz wichtig ist, sind natürlich offen
für die Teilnahme von aufgeklärten Christen, für die sie auch
die "Soulsaver" bisher hielten. Nach einem Hinweis auf die Homepage
www.soulsaver.de und somit auch den darin enthaltenen durchgehend negativen
Film über das Festival, sowie deren kreationistische und homophobe Sicht
auf die Welt, werden sie den "Soulsavern" nicht weiter einen Stellplatz auf
dem "Rock im Park" vermieten. Dies bestätigte der Pressesprecher des
Veranstalters "Argo Konzerte" Klaus Fischer, nachdem er darauf aufmerksam
gemacht wurde, um was für eine Gruppierung es sich hier handelt.
Es bleibt zu hoffen, dass weitere große Veranstaltungen diesem
vorbildlichen Schritt folgen werden, sodass den "Soulsavern" weniger
Möglichkeiten geboten werden, ihre weltfremden, wissenschaftsfeindlichen
und diskriminierenden Ansichten verbreiten zu können. Doch dazu ist
es wichtig, dass die Öffentlichkeit erkennt, dass es solch religiös
fanatische und radikale Gruppierungen in Deutschland gibt - ja, dass der
wachsende Fundamentalismus Realität in diesem Land ist.
___________________________________________
Quellen:
[1]
www.soulsaver.de/#/szene/graffiti_2/
[2]
www.soulsaver.de/#/musik/southside07/
[3]
www.soulsaver.de/#/szene/summerjam_unterwegs/
[4]
www.soulsaver.de/#/musik/chiemseereggae2003/
[5]
www.soulsaver.de/#/gallery/sonnenrot_galerie/
[6]
www.soulsaver.de/#/musik/splash10years/
[7]
www.soulsaver.de/#/szene/wavegothic2002/
[8]
www.soulsaver.de/sucht/frankie_wiesn/
[9]
www.soulsaver.de/#/blog/2008/08/-und-was-sagt-dein-gott-jetzt/
[10]
www.soulsaver.de/?m#/musik/rock-im-sarg/
[11]
www.soulsaver.de/?m#/blog/2010/07/rockfestivals-und-die-bibel/
[12]
http://tinyurl.com/6qw63nw
[13]
www.soulsaver.de/#/blog/2011/09/uebrigens-nicht-nur-bei-google-gibt-es-drei/
[14]
www.soulsaver.de/#/article/homosexualitaet_3/
[15]
www.gott.de/?m#/blog/2010/06/homosexuelle-nehmen-sich-haeufiger-das-leben/
[16]
www.soulsaver.de/beziehung/sex_vor_ehe/
[17]
www.soulsaver.de/?m#/beziehung/porno/
[18]
www.soulsaver.de/#/beziehung/selbstbefriedigung/
[19]
www.gott.de/?m#/glaube/nur1wegzugott/
[20]
www.soulsaver.de/zeitgeist/du_bist_gefangen/
[21]
www.gott.de/?m#/wissenschaft/evolution/
[22]
www.soulsaver.de/#/wissenschaft/evolution_2/
[23] Herman ist Autorin und Fernsehmoderatorin, die auch für den aufgrund
pseudowissenschaftlicher Inhalte äußerst umstrittenen Kopp Verlag
tätig ist. Im Juli 2010 verfasste sie dort einen Artikel zum Unglück
bei der Loveparade in Duisburg, bei dem am Vortag 21 Personen gestorben waren.
Mit den Worten "Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit
eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das
angeht, kann man nur erleichtert aufatmen! Grauenhaft allerdings, dass es
erst zu einem solchen Unglück kommen musste." deutet sie an, die Katastrophe
sei eine berechtigte Strafe Gottes.
[24]
www.soulsaver.de/?m#/blog/2010/07/loveparade-2010-the-art-of-love/
[25]
www.soulsaver.de/?m#/medien/harrypotter/
Autor:
Anna Beniermann (via
www.Mindsaver.de)
© AG EvoBio - Evolution
in Biologie, Kultur und Gesellschaft
16.11.11