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philosophische
Analyse:
Harmonisierungsversuche
zwischen Evolution und Schöpfung
Was sagt die Evolutionsbiologie?
Erschienen in: EZW-Texte 204 / 2009, p.
52-61
Warum
hat die Darwinsche Revolution im Bewusstsein vieler Menschen bisher so wenig
Eindruck hinterlassen? Zum Teil liegt das sicher daran, dass neue Ideen Zeit
brauchen, um zu reifen und ihre Brauchbarkeit unter Beweis zu stellen. Dies
ist aber nicht die ganze Wahrheit. Wer in den letzten Jahren und Jahrzehnten
die öffentlichen Debatten um die Evolutionstheorie auch nur am Rande
verfolgt hat, der wird ihre erstaunliche Emotionalität bemerkt haben.
Die Grundideen der Evolutionstheorie sind nicht besonders schwer zu verstehen.
Trotzdem begegnen ihr auch viele intelligente Menschen mit beachtlicher Ignoranz
und Feindseligkeit. Die Schwierigkeiten scheinen also eher
gefühlsmäßiger als intellektueller Art zu sein. Worin aber
besteht die Provokation, woher kommt die Angst vor der Evolutionstheorie?
Zum einen behauptet die Evolutionstheorie, dass die Menschen durch einen
ungeplanten Naturvorgang entstanden sind. Zum anderen sagt sie, dass ihre
Eigenschaften nicht nur von der Umwelt geprägt werden, sondern auch
Ausdruck der in der Evolution entstandenen Gene sind. Die Biologie hat also
sowohl "das angebliche Schöpfungsvorrecht des Menschen zunichte" gemacht,
indem sie "ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich" verwies, als auch die
"Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur" behauptet (Freud 1916-17: 295;
vgl. Junker 2006; Junker & Paul 2009). Damit aber geriet sie in Konflikt
mit religiösen Weltanschauungen, die die Existenz und Eigenschaften
der Menschen auf einen göttlichen Willensakt zurückführen.
Bestrebungen der letzten Jahrzehnte, die wörtliche Interpretation der
Bibel unter dem Namen Kreationismus' (d.h. Schöpfungslehre) neu
zu beleben, haben diesen Konflikt verschärft, aber nicht hervorgerufen.
Bis heute ist die übernatürliche Erschaffung der Menschen ein wichtiger
Glaubenssatz vieler Religionen. Jüdische, christliche und islamische
Strömungen berufen sich dabei auf die Bibel, in der behauptet wird,
dass die Menschen vom Gott des alten Testaments erschaffen wurden und ihm
gleich seien' (Genesis 1, 26).
Viele religiöse Menschen haben Angst vor der Evolution, weil sie - nicht
ganz zu Unrecht - vermuten, dass eine natürliche Erklärung der
Entstehung der Menschen ihre diesbezüglichen Glaubensüberzeugungen
überflüssig macht. Eine Möglichkeit, mit dieser Konfliktsituation
umzugehen, besteht darin, die Idee der Evolution als Irrlehre
zurückzuweisen, dies ist der sogenannte Kreationismus. Eine weitere
Strategie versucht zu zeigen, dass Evolution und Schöpfung sich nicht
ausschließen, sondern nebeneinander bestehen können. Andere Autoren
wiederum sehen in der Evolutionstheorie und der Schöpfungslehre
komplementäre Sichtweisen, die sich ergänzen, aber nicht widersprechen
müssen. An dieser Stelle möchte ich die Debatte über den
Kreationismus im engeren Sinn, der die biblische Schöpfungsgeschichte
als historischen Bericht auffasst, nicht ein weiteres Mal aufgreifen, sondern
mich den vermittelnden Strategien zuwenden. Wie sind diese
Harmonisierungsversuche aus evolutionsbiologischer Sicht zu bewerten?
1. Übereinstimmungen zwischen Bibel und
Evolutionstheorie
Dieser Versuchung können viele religiöse Menschen nicht widerstehen:
In Anlehnung an einen Bestseller der 1950er Jahre - "Und die Bibel hat doch
recht
" - hoffen sie in den Berichten des Alten Testaments (oder des
Korans) auch Wahrheiten über die Natur zu finden. Die biblischen Legenden
sollen mehr sein als zeitgebundene Dokumente eines urtümlichen und in
vielerlei Hinsicht irrigen Weltverständnisses und göttliche Inspiration
verraten. Obwohl viele religiöse Menschen und auch die großen
christlichen Kirchen in Deutschland die biblischen Legenden nicht mehr in
dieser Weise wörtlich verstanden wissen wollen, wird der zugrundeliegende
Gedanke in abgeschwächter Form noch erstaunlich häufig und prominent
vertreten. So ließ die frühere hessische Kultusministerin Karin
Wolff, die als Theologin und ehemalige Religionslehrerin nicht nur sachkundig
sein sollte, sondern sich zudem in vielfältiger Weise in und für
die Evangelische Kirche Deutschlands engagiert hat, verlauten: "In der Debatte
um die Schöpfungslehre geht es in den Augen der Ministerin darum, die
Bibel ernst, aber nicht wörtlich zu nehmen. [
] Ist es in diesem
Zusammenhang nicht eine erstaunliche Erkenntnis, wie sehr Biologie und die
symbolhafte Erzählung von den sieben Schöpfungstagen auch
übereinstimmen [
]?" (Vgl. Junker 2008).
Ein Einzelfall? Ein Missverständnis? Keineswegs, wie das aktuelle Buch
Was stimmt? Evolution: die wichtigsten Antworten (2007) des Zoologen
Josef H. Reichholf zeigt. Der Autor leitet die Wirbeltierabteilung der
Zoologischen Staatssammlung in München, lehrt an beiden Münchner
Universitäten und wird im Klappentext des Buches als "einer der
führenden deutschsprachigen Evolutionsbiologen" vorgestellt. "Die
Faszination des Schöpfungsberichts", so schreibt Reichholf, liege "in
der so dicht gedrängten Darlegung des Ablaufs vom Anfang [
] bis
hin zum Menschen". Man dürfe den Text zwar nicht "allzu wörtlich"
nehmen, aber "die Grundidee" und "die Abfolge in sechs Hauptschritten trifft
im Kern das Geschehen, so wie wir es gegenwärtig aus der
naturwissenschaftlichen Forschung heraus verstehen" (S. 120-21).
Wenn es erstaunliche' Übereinstimmungen zwischen den biblischen
Legenden und der modernen Evolutionstheorie geben sollte, dann wäre
dies in der Tat eine interessante Beobachtung. Was also sind die Grundideen
der Evolutionstheorie? 1) Die allmähliche Veränderung und Aufspaltung
von Arten über lange Zeiträume. Auf diese Weise entstanden
beispielsweise im Laufe vieler Millionen Jahre die Vögel aus den
Dinosauriern und Menschen aus (anderen) Affen). 2) Die gemeinsame Abstammung
der großen Tier- und Pflanzengruppen und letztlich aller Organismen.
Menschen sind also nicht nur mit Affen verwandt, sondern auch mit Fischen,
Regenwürmern und Fruchtfliegen. 3) Diese Veränderungen werden durch
einen ungeplanten Naturprozess bewirkt, durch die natürliche Auslese
(Variation und Selektion).
Gibt es in dieser Hinsicht Übereinstimmungen? Abgesehen von der sehr
allgemeinen Aussage, dass die Organismen nicht auf einmal, sondern nacheinander
entstanden sind bzw. erschaffen wurden, findet sich keine der
evolutionstheoretischen Grundideen im Bibeltext, sondern gerade das Gegenteil:
Die Rede ist von der getrennten Schöpfung (unveränderlicher) Tier-
und Pflanzengruppen in kurzer Zeit durch eine übernatürliche Macht.
Auch die zeitlich gestaffelte Schöpfung der Organismen als solche entspricht
ganz und gar nicht dem evolutionären Szenario, denn es ist ja nicht
so, dass beispielsweise erst alle Pflanzen entstanden und dann verschiedene
Tiergruppen, sondern die Evolution der Pflanzen- und Tierarten erfolgt parallel,
in ökologischen Zusammenhängen. In Bezug auf die Grundideen
gibt es also keine Übereinstimmung, sondern tiefgreifende Unvereinbarkeiten
und Widersprüche.
Könnte es aber in anderer Hinsicht die behaupteten Übereinstimmungen
geben? Leider hat Karin Wolff trotz mehrfacher Nachfragen davon Abstand genommen,
ihre Aussagen zu präzisieren. Etwas konkreter äußerte sich
Josef H. Reichholf: "Ersetzt man die Tage der Schöpfung' durch
Phasen (oder lange Zeiten) der Evolution, kommt in der Grundidee eine recht
gute Übereinstimmung zustande" (2007, S. 121). Ist das der Fall?
Nach den biblischen Legenden beginnt die Erschaffung der Lebewesen am 3.
Tag, und zwar mit den Landpflanzen. Am 4. Tag folgt dann die Erschaffung
von Sonne, Mond und Sternen. Abgesehen davon, dass einige Sterne um
ein mehrfaches älter sind als die am ersten Tag erschaffene Erde und
die chemische Verbindung von Sauerstoff und Wasserstoff (Wasser), sind
grüne Pflanzen auf die Photosynthese damit auf Sonnenlicht angewiesen.
Durch lange Zeiten' der Evolution sollen sie also ohne ihre primäre
Energiezufuhr ausgekommen sein, eine abwegige Vorstellung. Am 5. Tag folgen
Wassertiere und Vögel. Hierzu ist zu sagen, dass sowohl
die wasserlebenden Säugetiere (Wale) als auch die Vögel von
bodenlebenden Landtieren abstammen, die zu diesem Zeitpunkt der Bibel zufolge
noch nicht existieren. Weiter sollte beachtet werden, dass die ersten Wassertiere
der Evolutionsbiologie zufolge deutlich früher entstanden als die
Landpflanzen und nicht umgekehrt.
In der ersten Hälfte des 6. Tages werden dann die Landtiere
erschaffen. Abgesehen davon, dass es domestizierte Tiere (Vieh') erst
seit wenigen tausend Jahren gibt, ist hier zu bemerken, dass andere genannte
Landtiere älter sind als einige große Seetiere', die Vögel
und fruchttragende Pflanzen, die sämtlich an früheren Tagen erschaffen
worden sein sollen. In der zweiten Hälfte des 6. Tages folgen
schließlich die Menschen. Hierzu ist Folgendes zu bemerken:
Zum einen ist nicht klar, welche Menschen Gott erschaffen haben soll - die
Gattung Homo (z. B. Homo erectus, ca. 2 MJ) oder die Art Homo
sapiens (ca. 200.000 Jahren)? In beiden Fällen aber sind Menschen
nicht die zuletzt entstandene Tierart. Im afrikanischen Victoriasee
beispielsweise sind innerhalb der letzten 100.000 Jahre 300 bis 500 neue
Arten von Buntbarschen entstanden. Dass domestizierte Tiere (Vieh')
ihren Haustierstatus den Menschen verdanken, wurde schon erwähnt.
Was also bleibt von den recht guten' Übereinstimmungen zwischen
Bibel und Biologie? Nichts! Es gibt keine Übereinstimmung, die über
das hinausgeht, was ein Zufallsgenerator auch produzieren würde. Die
Behauptungen von Karin Wolff und Josef H. Reichholf lassen sich nur aufrecht
erhalten, wenn man einige Punkte willkürlich herausgreift und andere
ignoriert. Mit dieser Methode ließe sich aber auch beweisen, dass
Astrologen die Zukunft voraussagen können.
2. Evolution als Schöpfung
In den Diskussionen um Evolution und Schöpfung wird immer wieder das
Argument geäußert, dass es zwischen beiden Phänomenen keinen
Widerspruch geben muss. Oberflächlich betrachtet ist dies richtig; die
Aussage ist aber zugleich unvollständig, in zentraler Hinsicht falsch
und zudem missverständlich. Das Problem entsteht, da das Wort
Evolution' unterschiedlich gebraucht wird. Zum einen versteht man darunter
die zeitliche Veränderung der Arten von Lebewesen. Solange dabei keine
Aussage über die kausalen Ursachen gemacht wird, kommt es auch nicht
zu Widersprüchen mit Schöpfungsideen, die eine
übernatürliche Ursache (Wunder') postulieren. Zum anderen
versteht man unter Evolution' die wissenschaftliche Interpretation
dieser Phänomene, die moderne Evolutionstheorie. Hier aber gibt es einen
schwer auflösbaren Widerspruch, da die Evolutionsbiologie wie die anderen
modernen Naturwissenschaften aus guten Gründen nur natürliche Ursachen
akzeptiert.
Die Vereinbarkeit von Schöpfung und Evolution wird beispielsweise im
Katholizismus behauptet. 1986 schrieb der damalige Papst Johannes Paul II:
"Recht verstandener Schöpfungsglaube und recht verstandene Evolutionslehre
[stehen sich] nicht im Wege: Evolution setzt Schöpfung voraus;
Schöpfung stellt sich im Licht der Evolution als ein zeitlich erstrecktes
Geschehen - als creatio continua - dar" (Spaemann et al. 1986: 146). Wie
er weiter erläutert, versteht er unter einer recht verstandenen
Evolutionslehre' nicht die Evolutionstheorie im Sinne der heutigen Biologie.
Letztere wird als "evolutionistisches Weltbild" ausdrücklich abgelehnt.
Die zugrundeliegende These ist also, dass Gott die Evolution in irgendeiner
Weise kontrolliert. Dieser Gedanke liegt (unausgesprochen) auch der modernen
intelligent design-Bewegung zugrunde und sie wurde bereits zu Darwins Zeit
von einem seiner religiösen Anhänger, dem amerikanischen Botaniker
Asa Gray, formuliert (Junker & Hoßfeld 2009: 147-148). Was sagte
Darwin zu dieser Idee? Er habe, wie er an Gray schrieb, zwar "keine Absicht,
atheistisch zu schreiben." Aber, so fährt er fort, er könne auch
"nicht so deutlich Beweise für einen Plan und für Wohlwollen auf
allen Seiten von uns sehen [
], wie andere das tun oder wie ich es
wünschen sollte." Und er fährt fort:
"Es scheint mir zu viel Elend in der Welt zu geben. Ich kann mich nicht
überzeugen, dass ein wohlwollender und allmächtiger Gott absichtlich
die Schlupfwespen erschaffen haben würde, mit der ausdrücklichen
Absicht ihrer Fütterung in den lebenden Körpern von Raupen oder
dass Katzen mit Mäusen spielen sollten. Sicherlich stimme ich mit Ihnen
überein, dass meine Ansichten ganz und gar nicht notwendigerweise
atheistisch sind. Der Blitz tötet einen Menschen, ob es ein guter oder
ein schlechter ist, gemäß der außerordentlich komplexen
Wirkung natürlicher Gesetze" (22. Mai [1860]; CCD 8: 223).
Die (Evolutions-)Biologie hat das Theodizee-Problem verschärft, da eine
klassische religiöse Antwort - die Ursache für das Leid in der
Welt soll die Sündhaftigkeit der Menschen sein - ihre Plausibilität
verloren hat, insofern als die Menschen kaum für das Brutverhalten der
Schlupfwespen oder das Aussterben der Dinosaurier verantwortlich gemacht
werden können, das sich rund 63 Millionen Jahre vor dem Auftauchen der
ersten Menschen ereignete.
Es gibt aber noch andere Bruchstellen, die die These Evolution als
Schöpfung' unbefriedigend erscheinen lassen. Eine erste ist die
Unvollständigkeit der Harmonisierung. So schrieb beispielsweise Papst
Johannes Paul II. in seiner vielgepriesenen Botschaft "Christliches Menschenbild
und moderne Evolutionstheorien" von 1996, dass vielleicht der "menschliche
Körper [...] seinen Ursprung in der belebten Materie [hat], die vor
ihm existiert. Die Geistseele hingegen ist unmittelbar von Gott geschaffen"
(Johannes Paul II 1997: 382-83). Es bleibt hier völlig unklar, wie das
plötzliche Auftreten der Seele' mit dem kontinuierlichen Verlauf
der Evolution zu verbinden ist. So kann der Papst meines Wissens keine Antwort
darauf gegeben, wann genau die Geistseele erstmals auftrat. Bei Homo
erectus vor 2 Millionen Jahren, beim frühen Homo sapiens
vor 200.000 Jahren oder später? Was ist mit den Neandertalern? Besaßen
sie schon eine Seele oder waren sie noch Tiere?
Ein zweites Problem ist die Vagheit der Aussagen über die Art der
göttlichen Kontrolle. Erfolgt diese ständig oder nur zu bestimmten
Zeiten? Wie erfolgt die Kontrolle? Durch die Steuerung der Mutationen? Durch
Einflussnahme auf die Selektion? Diese Beliebigkeit zeigt, dass die Idee
einer göttlichen Lenkung der Evolution eine bloße Behauptung ohne
Substanz ist. Schöpfungslehren, dies kritisierte schon Darwin,
erklären nichts, ob sie nun die getrennte Schöpfung einzelner Arten
oder eine allgemeine Lenkung der Evolution unterstellen:
"Aus der gewöhnlichen Sicht, nach der jede Art unabhängig erschaffen
wurde, gewinnen wir keine wissenschaftliche Erklärung irgendeiner dieser
Tatsachen [der Biologie]. Wir können nur sagen, dass es dem Schöpfer
gefallen hat zu befehlen, dass die früheren und gegenwärtigen Bewohner
der Welt in einer bestimmten Ordnung und in bestimmten Gebieten erscheinen
sollten. Dass er ihnen die außerordentlichsten Ähnlichkeiten
aufgeprägt hat und dass er sie in Gruppen eingeteilt hat, die anderen
Gruppen untergeordnet sind."
Aber, so fährt er fort, "durch solche Aussagen gewinnen wir kein neues
Wissen, wir verbinden nicht Tatsachen und Gesetze miteinander; wir erklären
nichts" (Darwin 1868, Bd. 1: 9). Darwin war, um mit Nietzsche zu sprechen,
"zu neugierig", um sich "eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen. Gott
ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelikatesse gegen uns Denker -, im Grunde
sogar bloß ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken!"
(Nietzsche [1888] 1980: 278-279).
Die Probleme der Evolution als Schöpfung'-Hypothese sind
offensichtlich und so ist es interessant zu beobachten, dass dieser
Harmonisierungsversuch selbst nach Ansicht seiner Vertreter scheitert, wenn
man das wissenschaftliche Verständnis von Evolution akzeptiert. Wie
der Wiener Kardinal Christoph Schönborn vor wenigen Jahren betont hat,
sei die moderne Evolutionstheorie aus Sicht der katholischen Kirche keine
Wissenschaft, sondern Ideologie und nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar:
"Seit Papst Johannes Paul II. 1996 erklärt hat, dass die Evolution [...]
mehr' sei als nur eine Hypothese', haben die Verteidiger des
neo-darwinistischen Dogmas eine angebliche Akzeptanz oder Zustimmung der
römisch-katholischen Kirche ins Treffen geführt, wenn sie ihre
Theorie als mit dem christlichen Glauben in gewisser Weise vereinbar darstellen.
Aber das stimmt nicht" (Schönborn 2005; vgl. Junker 2007).
Zwischen Schöpfung und Evolution kommt es also zum Konflikt, sobald
man letztere wissenschaftlich versteht; es handelt sich also eigentlich um
einen allgemeinen Widerspruch zwischen der wissenschaftlichen und der
religiösen Denkweise, die sich an der (Nicht-)Existenz der Wunder
entzündet. Der Konflikt lässt sich aus religiöser Sicht also
nur lösen, wenn man sich vom wissenschaftlichen Verständnis der
Evolution distanziert und ein eigenes Modell der Evolution entwirft. Das
Vorhaben, Schöpfungslehren und die wissenschaftliche Evolutionstheorie
zu verbinden, ist damit aber keinen Schritt vorangekommen.
3. Evolution und Schöpfung
Ein weiterer Vermittlungsversuch zwischen Evolution und Schöpfung will
zeigen, dass beide Phänomene neben einander bestehen können, da
sie zeitlich nacheinander erfolgen. Diese Vorstellung liegt dem kreationistischen
Lehrbuch' der Evolution von Reinhard Junker und Siegfried Scherer zugrunde
(Evolution: Ein kritisches Lehrbuch, 2006). Den Autoren geht es in
erster Linie um die Kritik an der Evolutionstheorie; zugleich versuchen sie
sich aber an einer Vermittlung zwischen Schöpfung und Evolution, denn
schließlich sei "'Evolvierbarkeit' [
] eine fundamentale Eigenschaft
des Lebens" (Junker & Scherer 2006: 5).
R. Junker und S. Scherer sprechen in diesem Zusammenhang von Mikro-'
und Makroevolution'. Diese Worte sollen den Eindruck vermitteln, als
gehe es hier um Evolution; tatsächlich aber dienen sie dazu, das
vor-evolutionäre Weltbild von R. Junker und S. Scherer als eine
Art Evolutionstheorie zu präsentieren. Dabei greifen sie (bewusst oder
unbewusst) Vorstellungen aus dem 18. Jahrhundert auf. Die Naturforscher dieser
Zeit waren davon überzeugt, dass die Vielfalt der Sorten' von
Lebewesen durch ihre jeweils getrennte Entstehung zu erklären ist (vgl.
Mayr 1982; Junker 2004). Meist wurden angenommen, dass nur die zu einer Art
gehörigen Individuen einen gemeinsamen Ursprung haben: "Wir zählen
so viele Arten, wie verschiedene Formen im Anfang [in principio] geschaffen
worden sind" (Linnaeus 1751, These 157). Ob zwei Individuen zur selben
Ursprungseinheit gehören, sollte an ihrer Ähnlichkeit und an ihrer
gemeinsamen Fortpflanzung erkennbar sein. Da sich teilweise Individuen kreuzen
ließen - Pferde und Esel beispielsweise -, die man aufgrund ihrer
Unterschiedlichkeit verschiedenen Arten zugeordnet hatte, gab es auch
Überlegungen, ob nicht höhere Einheiten wie Gattungen oder Familien
auf einen einheitlichen Ursprung zurückführbar sein könnten.
Da die Naturforscher des 18. Jahrhunderts die unabhängige Entstehung
der Sorten' (der Arten oder höherer Einheiten) als den mit Abstand
wichtigsten Vorgang der Biologie bestimmten und den Degenerationen'
- wenn überhaupt - nur eine geringfügige, modifizierende Rolle
zusprachen, handelt es gerade nicht um Evolutionstheorien, sondern
um das klassische Gegenmodell: die Konstanz der Arten'. Aus demselben
Grund werden Reinhard Junker und Siegfried Scherer nicht zu Vertretern der
Evolutionstheorie, selbst wenn sie evolutionäre Veränderungen innerhalb
begrenzter biologischer Einheiten für möglich halten würden
(Degeneration' bzw. Mikroevolution'). Die Idee ist also, dass
Gott Urformen (z.B. die Arten) erschaffen hat, die dann durch natürliche
Prozesse in begrenztem Maße modifizierbar sind. Mit den oben
erwähnten Grundideen der modernen Evolutionsbiologie hat all dies nichts
gemeinsam. Auch dieser Harmonisierungsversuch durch Aufspaltung der biologischen
Phänomene leistet also nicht, was er verspricht, sondern er lässt
die Widersprüche zwischen Schöpfungsideen und der wissenschaftlichen
Evolutionstheorie nur noch deutlicher hervortreten.
4. Zwiedenken
Ein weiterer Versuch der Harmonisierung durch Aufspaltung bewegt sich nicht
auf der Ebene der Phänomene, sondern man nimmt eine Aufspaltung der
menschlichen Erkenntnismöglichkeit in zwei getrennte Dimensionen'
vor, die sich ergänzen aber nicht widersprechen sollen. So hat der
amerikanische Paläontologe Stephen Jay Gould große Mühe darauf
verwandt zu zeigen, dass es zwischen Wissenschaft und Religion keinen Konflikt
geben kann, weil sich beide Wissens- und Lehrsysteme auf verschiedene Bereiche
beziehen: Die Wissenschaft auf den empirischen Aufbau des Universums, die
Religion auf ethische Werte und den geistigen Sinn unseres Lebens. Er
persönlich glaubte "mit all seinem Herzen an ein respektvolles, sogar
liebendes Einvernehmen" zwischen beiden Lehrsystemen (Gould 1997: 61).
Ähnliche Thesen findet man auch in offiziellen Texten der evangelischen
Kirche. So heißt es der Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen
Kirche in Deutschland zu "Weltentstehung, Evolutionstheorie und
Schöpfungsglaube in der Schule":
"Umfassende und differenzierte Bildung wird erst möglich, wenn verschiedene
Weltzugänge und Erkenntnisweisen voneinander unterschieden, aber eben
auch aufeinander bezogen werden können. Das in den Naturwissenschaften
gewonnene Verständnis von Komplementarität als der Notwendigkeit,
einander widersprechende Erklärungsmöglichkeiten nebeneinander
zu benutzen, ist auch bildungstheoretisch fruchtbar zu machen. In der
Bildungsdiskussion der Gegenwart können dafür Unterscheidungen
wie die zwischen Verfügungs- und Orientierungswissen stehen oder auch
die Unterscheidung zwischen verschiedenen Formen der Weltbegegnung" (EKD
2008: 18).
Hierzu ist zu bemerken, dass die angemahnte Unterscheidung der
Erkenntnisweisen' sogar innerhalb des EKD-Textes nicht konsequent durchgehalten
wird und durchaus auch Informationswissen über die Welt reklamiert wird:
"die Entstehung der Welt und die Entwicklung des Lebens [sollen] letztlich
auf den schöpferischen Willen Gottes zurückgehen" (EKD 2008: 14).
Das zweite Problem ist, dass die scharfe Spaltung der menschlichen
Erkenntnisfähigkeit in zwei Dimensionen als künstlich und
unverständlich empfunden wird. So bemerkte Hansjörg Hemminger in
seinem EZW-Text Mit der Bibel gegen die Evolution: "Die Rede von
verschiedenen Erkenntniskategorien, von Fragen und Antworten auf verschiedenen
Ebenen, sei abstrakt und überfordere viele Menschen. Diese Schwierigkeit
besteht und kann nicht übergangen werden" (Hemminger 2007: 67).
Könnte es sein, dass es sich hier nicht um eine (intellektuelle)
Überforderung' handelt, sondern dass das Argument selbst problematisch
ist? Bei ihrer Unterscheidung zwischen verschiedenen Wissensformen berufen
sich die Vertreter der Evangelischen Kirche auf den Philosophen Jürgen
Mittelstraß. Dieser hatte geschrieben: "Verfügungswissen ist ein
positives Wissen, ein Wissen um Ursachen, Wirkungen und Mittel,
Orientierungswissen ist ein regulatives Wissen, ein Wissen um Ziele und Maximen".
Damit lässt es Mittelstraß aber nicht bewenden, sondern er fährt
fort: "Also gehört auch beides, Verfügungswissen und
Orientierungswissen, im Grunde zusammen. Reines Verfügungswissen und
reines Orientierungswissen gibt es gar nicht - wer verfügt, weiß
auch warum, und wer sich orientiert, verfügt über seine Orientierungen"
(Mittelstraß 1989: 19). Wenn aber die Rede von verschiedenen
Erkenntniskategorien' sogar den als Kronzeugen für diese Sichtweise
genannten Jürgen Mittelstraß überfordert', so wäre
es vielleicht angebracht, das Argument selbst noch einmal auf den Prüfstand
zu stellen. An dieser Stelle lässt sich jedenfalls festhalten, dass
die Aufspaltung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit nicht nur
künstlich wirkt und schwierig zu verstehen ist, sondern auch von ihren
Vertretern nicht durchgehalten wird. Alles in allem erinnert die Forderung,
einander widersprechende Erklärungsmöglichkeiten nebeneinander
zu benutzen', fatal an das Orwellsche Zwiedenken, an "die Gabe,
gleichzeitig zwei einander widersprechende Ansichten zu hegen und beide gelten
zu lassen" (Orwell [1949] 1950: 196).
Fazit
Aus Sicht der Evolutionsbiologie kann keiner der genannten
Harmonisierungsversuche überzeugen, weder die Strategien der Vermittlung
noch jene der Aufspaltung führen zu einem befriedigenden Ergebnis. Ob
sich dies aus religiöser Sicht anders darstellt, mögen ihre Vertreter
entscheiden. Es gibt aber eine naheliegende Lösung des Problems, die
darin besteht, sich zu entscheiden und entweder nur das wissenschaftliche
Weltbild und die Evolutionstheorie oder nur den Schöpfungsglauben gelten
zu lassen. Ersteres überzeugt die Mehrzahl der Biologen, zu letzterem
bekennen sich die Kreationisten. Beide konsequenten Positionen ersparen es
ihren Vertretern, sich an der Vielzahl von Widersprüchen und Problemen
abarbeiten zu müssen, die auftreten, sobald man beiden Weltbildern gerecht
werden möchte. Und, so kann man aus Sicht der Wissenschaft anfügen,
schließlich gibt es genügend echte Rätsel, mit denen man
sich auf lohnende Weise beschäftigen kann.
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Autor:
Prof. Dr. Thomas
Junker
© AG EvoBio - Evolution
in Biologie, Kultur und Gesellschaft
13.10.09