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Kommentar:    

   

Das Journal "Bio-Complexity"

Eine weitere ID-Plattform oder eine seriöse Wissenschaftszeitschrift?

   

Die Homepage von "Bio-Complexity"Im April dieses Jahres erschien die erste Ausgabe des Online-Journals Bio-Complexity. Das Journal scheint auf den ersten Blick alles zu haben, was eine potenzielle wissenschaftliche Zeitschrift ausmacht: Einen Chefredakteur (editor in chief ), ein Herausgebergremium (editorial board), das in der Wissenschaft übliche Gutachterverfahren, in dem die Namen der Fach-Gutachter nur den Herausgebern aber nicht den Autoren des begutachteten Artikels bekannt sind (peer review), ISSN-Nummer, etc.

Der Titel "Bio-Complexity" ist im Prinzip vielversprechend, und die wissenschaftlich-inhaltliche Ausrichtung bedient ein hochaktuelles wissenschaftliches Thema, an dem weltweit die besten Forscher arbeiten. Allerdings unterscheidet sich das Journal von etablierten Wissenschaftszeitschriften dadurch, dass es sich zum Ziel gesetzt hat, mit wissenschaftlichen Methoden Intelligent Design (ID) als belastbare Erklärungsgrundlage für Leben auf der Erde zu untersuchen. Sowohl der Chefredakteur als auch Mitglieder des Herausgebergremiums sind ausgewiesene Kreationisten und ID-Vertreter. Weiter erhält Bio-Complexity institutionelle Unterstützung von dem ID-nahen Biologic Institute (http://biologicinstitute.org). Zudem sind die Mitglieder des Editoral Boards keine ausgewiesenen Wissenschaftler im Bereich der Biokomplexität. Eigentlich würde man, wie es bei Neugründungen von wissenschaftlichen Journalen üblich ist, erwarten, dass sich die Herausgeber originär mit dem entsprechenden Themenbereich, hier also den Bereichen Evo-Devo, Entwicklungsbiologie, Paläontologie, vergleichende Anatomie etc. beschäftigen und sich durch einschlägige Publikationen als Experten für die Inhalte des neu gegründeten Journals ausgewiesen haben. Das ist aber nicht der Fall.

Bei der Aktualität des eigentlichen Forschungs-Themas würde man  ferner erwarten, dass eine hohe Anzahl an Manuskripten zur Publikation eingereicht würde. Tatsächlich ist seit Erscheinen des Journals (Mai 2010) nur ein Übersichtsartikel (review) sowie eine Forschungsarbeit (Populationsgenetik von Mikroorganismen, Untersuchung zu den evolutiven Kosten von adaptiven Anpassungen) publiziert worden. Man darf daraus schließen, dass entweder nahezu alle vorgelegten Publikationen abgelehnt wurden (etwa mangels Qualität oder fehlender Ausrichtung an den Zielsetzungen des Journals) oder dass schlichtweg keine weiteren Manuskripte eingereicht wurden.

Interessanterweise gibt es ein Journal namens Biology Direct, welches sich bereits intensiv mit Fragen der Biokomplexität befasst (www.biology-direct.com). Zwischen Biology Direct und Bio-Complexity bestehen recht große thematische Überschneidungen, und beides sind so genannte Open-Access-Journale. Dies bedeutet, dass alle publizierten Artikel für jedermann kostenlos zur Verfügung stehen. Gegründet von weltweit renommierten Forschern erfreut sich Biology Direct zunehmender Beliebtheit. Das Besondere an diesem Journal ist ein so genanntes Open-Review-Verfahren (offenes Begutachtungsverfahren): Danach gilt ein Manuskript als akzeptiert für eine Veröffentlichung, wenn sich drei Mitglieder des editorial boards finden, die das Manuskript einer formalen Begutachtung für wert erachten. Als Konsequenz sind die manchmal sehr kritischen Kommentare der Gutachter sowie die Antworten der Autoren auf die Kommentare dann auch Bestandteil der jeweiligen Artikel. Kurzum, die Kommentare und somit auch die Namen der Gutachter, egal ob positiv oder negativ, sind untrennbar mit dem Inhalt des Artikels verknüpft und öffentlich einsehbar. Aus der Sicht des Lesers ist dies ein großer Vorteil, weil das "Für" und "Wider" der Argumentation transparent und nachvollziehbar dargestellt wird. Dadurch wird eine mögliche weltanschauliche Voreingenommenheit und dogmatische Ausrichtung der Argumentation einzelner Autoren sofort erkennbar. Weiter garantiert dieses Verfahren eine völlig offene Diskussion oftmals auch kontrovers diskutierter wissenschaftlicher Fragen, führt somit also konstruktiv zu einer Weiterentwicklung der inhaltlichen Materie.

Nun ist das Open-Review-Verfahren sicher eine Ausnahme unter wissenschaftlichen Journalen. Die Regel ist, dass die Gutachter der Forschungsartikel namentlich unbekannt bleiben - so auch bei Bio-Complexity. Grundsätzlich wäre dies also kein Kritikpunkt. Allerdings hätten die Macher von Bio-Complexity wissen müssen, dass ihrem Journal aufgrund der ID-Nähe berechtigterweise mit großer Skepsis begegnet wird, und dass ihr Journal aus diesem Grund in der wissenschaftlichen Gemeinschaft unter penibler Beobachtung steht. Dies bedeutet, dass Bio-Complexity mit keinem Vertrauensvorschuss rechnen kann, wie es sonst der Fall ist, wenn neue Journale, in der Regel von fachlich ausgewiesenen Wissenschaftlern, etabliert werden. Vermutlich werden kaum Forscher ihre wertvollen Mauskripte bei "Bio-Complexity" einreichen, wenn sich heraus stellt, dass das Journal aufgrund der weltanschaulichen Voreingenommenheit seiner Editoren wissenschaftlichen Argumentationsstandards nicht genügt.

Durch ein Open-Review-Verfahren hätten die Herausgeber des Journals die Möglichkeit gehabt, auch den Kritikern zu beweisen, dass nur qualitativ akzeptable Forschungsarbeiten in dem Journal publiziert werden, in dem die Kommentare der Gutachter und die entsprechenden Antworten der Autoren gleichermaßen erscheinen. So allerdings haben die Macher von Bio-Complexity eine große Chance auf Glaubwürdigkeit vertan. Wenn ID-Vertreter in einem ID-nahen Journal in einem für die Leser nicht nachvollziehbaren Gutachterverfahren publizieren, wird dies vermutlich nur wenig Interesse in der Wissenschaftsgemeinschaft hervorrufen, weil es den Verdacht eines ID-Inzucht-Prozederes kaum abwendet.

Das Journal steht bis heute auf privaten Füßen - finanziert außer über eine Publikationsgebühr, die von den Autoren zu entrichten ist, auch vom Biological Institute (http://biologicinstitute.org), welches seine Arbeiten selber wiederum durch private Spenden finanziert (http://biologicinstitute.org/support/), aber nicht durch öffentliche Fördermittel wie z.B. NSF oder durch andere einem begutachteten Prozess erarbeiteten Gelder.

Insofern ist die Zukunft von Bio-Complexity zurzeit ungewiss. Es bleibt abzuwarten, ob in diesem Journal in Zukunft tatsächlich seriöse, wissenschaftlich fundierte Artikel publiziert werden, die aufgrund ihrer Qualität von der wissenschaftlichen Gemeinschaft ernst genommen werden, so dass sich das Journal als wissenschaftliche Publikationsplattform etablieren wird. Zweifel erscheinen jedoch angebracht. Erstens finden sich im Editorial Board fast durchgehend einschlägig bekannte ID-Vertreter und Kreationisten, die in der Vergangenheit die Regeln wissenschaftlichen Argumentierens immer dann außer Kraft setzten, wo die Evolutionsbiologie mit ihren religiös-weltanschaulichen Überzeugungen kollidiert. Und der Start scheint mit nur einer Forschungspublikation und einem Übersichtsartikel in 3 Monaten nicht gerade geglückt zu sein. Um Eintrag in die einschlägigen wissenschaftlichen Literaturdatenbanken (z.B. PubMed Central) zu erhalten, wäre jedenfalls der Nachweis einer regelmäßigen (mindestens alle 2 Monate) und ausreichend gefüllten Ausgabe (d.h. etliche Publikationen pro Ausgabe) über einen ausreichend langen Zeitraum (ca. 1-2 Jahre) notwendig. Von der Erfüllung dieser formalen Mindestvoraussetzungen scheint Bio-Complexity noch weit entfernt.

   

Weitere Kommentare:

     

Scherer, S.; Imming, P. (2010) Bio-Complexity. Journal über Intelligent Design

www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=presse/main.php&n=Presse.P10-2 

   

Autoren: Dr. Johannes Sikorski / Prof. Dr. Andreas Beyer

         

   


© AG EvoBio - Evolution in Biologie, Kultur und Gesellschaft          24.08.10