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Diskussionsbeitrag
2/09:
Die Evolution des
Schildkrötenpanzers
Oder: Die Auflösung eines kreationistischen Arguments
Die
Evolution des Schildkrötenpanzers ist nicht gerade ein Thema, das
öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber an ihm lässt sich
verdeutlichen, wie der Kreationismus gegenüber der Naturwissenschaft
argumentiert und agiert. Die Ausgangsposition der hier zu schildernden Debatte
wird durch einen Artikel auf der kreationistischen Internetseite
Genesisnet (Junker 2008a) zum Thema "evolutionäre
Entwicklungsbiologie" markiert. Diese als "Evo-Devo" bezeichnete
Forschungsrichtung erhebt den Anspruch, die Entstehung evolutionärer
Innovationen bei höheren Lebewesen durch Veränderungen bei der
Steuerung der Ontogenese (individuellen Entwicklung) zu erklären. Grundlagen
sind neben der modernen Form der Selektionstheorie (einschließlich
der Populationsgenetik usw.) Entwicklungsbiologie und Genetik, insbesondere
die Genetik der Regulator- und Steuergene, die in der Ontogenese aktiv sind.
Durch diese Synthese biologischer Disziplinen, die inzwischen auch über
die Fachwissenschaft hinaus Beachtung findet (Kirschner/Gerhart 2007;
Carroll 2008; Conway Morris 2009) wird die Frage beantwortet,
oder einer Beantwortung näher gebracht, wie durch Mutationen und weitere
Faktoren, die auf die Entwicklung Einfluss haben
(1), Bauplanänderungen entstehen können,
an denen Selektionsprozesse ansetzen. Mit anderen Worten, ein früher
als "Blackbox" behandelter Teil des evolutionären Prozesses, der die
Variabilität der Organismen mehr oder weniger voraussetzte, wird durch
Evo-Devo Zug um Zug kausal erklärbar.
Evo-Devo und die Schildkröten
Die evolutionäre Entwicklungsbiologie gefährdet ein zentrales Argument
des Kreationismus, insbesondere in der von Wort und Wissen vertretenen
Form, das auf der Unterscheidung von zugestandener Mikroevolution (durch
die inhärente Variabilität der Arten bzw. Grundtypen) und bestrittener
Makroevolution (Variabilität über die Grundtypen hinaus) beruht.
Die Unterscheidung von Mikro- und Makroevolution bezieht ihre Plausibilität
aus der Unkenntnis der kausalen Mechanismen von Bauplanänderungen und
evolutionären Neuheiten, zum Beispiel die Entwicklung vom Vorderbein
eines Insektenfressers zum Flügel einer Fledermaus. Löst sich diese
Unkenntnis auf, löst sich auch die Plausibilität des Arguments
auf, und die Unterscheidung zwischen Mikro- und Makrovorgängen gleich
mit.
Der Zweck des 45 Seiten langen Artikels von Reinhard Junker ist, die
Erklärungskraft von Evo-Devo anzugreifen, um weiter an der Behauptung
festhalten zu können, dass bisher kein Mechanismus für
makroevolutionäre Veränderungen bekannt sei (Junker 2008a).
So schien der Schildkrötenpanzer noch 2008 ein gutes Beispiel für
eine unerklärte, und damit aus kreationistischer Sicht mutmaßlich
unerklärbare, Bauplanänderung zu liefern. Das älteste bekannte
Fossil Proganochelys aus dem oberen Trias (deutsch: Keuper) ist ca.
204 bis 206 Millionen Jahre alt und weist bereits einen voll entwickelten
Panzer auf. Allerdings gibt es auch ursprüngliche Merkmale, nämlich
Gaumenzähne, einen nicht unter den Panzer rückziehbaren Hals, der
durch Knochendornen geschützt wird, und eine "Schwanzkeule". Dass wenig
später zwei fossile Arten (Odontochelys und Chinlechelys)
mit unvollständiger Panzerung gefunden werden würden (s. unten),
konnte niemand wissen. Bei Junker stellte sich die Evolution des
Schildkrötenpanzers noch so dar:
"Eine schrittweise Entstehung wird von vielen Biologen in diesem Fall aus
konstruktiven Gründen ausgeschlossen; zudem fehlen fossile
Übergangsformen (der Schildkrötenbauplan erscheint plötzlich
in der Obertrias, GILBERT et al. 2001, 55); beides lege eine sprunghafte
Entstehung nahe. Daher soll eine größere Veränderung in der
frühen Embryonalentwicklung für die Entstehung des
Schildkrötenpanzers verantwortlich sein. Der Startpunkt zu dieser Neuheit
soll eine Art "Mega-Duplikation" der Extremitätenknospe gewesen sein,
die zum "carapacial ridge" (CR) führte, einer Aufwölbung aus Ektoderm
und Mesoderm, die das Rippenwachstum beeinflusst
Die ersten ontogenetischen
Abfolgen sind bei den Schildkröten zunächst noch identisch mit
denen anderer Tetrapoden
Dann weicht der weitere Entwicklungsweg deutlich
ab: "The initial segmentation of the paraxial mesoderm is the same in turtles
as in all other tetrapods, but further development of structures derived
from the somites (dermis, vertebrae and ribs) proceeds along a different
trajectory in turtles compared to all other tetrapods" (RIEPPEL 2001, 991).
"Gilbert et al. (2001) were able to conform that the scapula of the turtle
develops within the rib cage as a function of a deflection of rib growth
to a new position, and this is likely the result of an inductive interaction
within the co-called carapacial ridge (CR). The outer edge of the carapace
eventually forms from the CR, which arises in the early embryo dorsal to
the limb buds on the lateral surfaces. Turtles' ribs develop laterally, rather
than ventrally, due to CR; when the CR is either surgically removed or prevented
from forming, rib morphogenesis occurs as it does in non-turtle (in fact,
nonchelonian) vertebrates (Burke 1991)"
Der CR wird also als eine Art
Schlüssel-Organanlage betrachtet, die eine notwendige Voraussetzung
für die Bildung des ungewöhnlichen Schildkrötenbauplans
darstellt
Kritische Anmerkungen zu diesem Szenario folgen in Abschnitt
4.1. Typisch für den Evo-Devo-Ansatz ist hier die Annahme, dass relativ
geringfügige Änderungen in der Ontogenese umfangreiche
Bauplanänderungen hervorrufen können
" (Junker 2008a
, 20-21).
Es ist nicht ohne weiteres ersichtlich, was dieses Beispiel gegen Evo-Devo
beweisen soll. Dass der Schildkrötenpanzer eine evolutionäre Innovation
darstellt, bestreitet niemand. Die zitierten Autoren nehmen jedoch an, der
Evolutionsprozess, der zu dieser Innovation führte, lasse sich im Rahmen
der evolutionären Entwicklungsbiologie erklären. Und sie gehen
gerade nicht von einer "sprunghaften Entstehung" des gesamten
Merkmalskomplexes im Sinn des früheren Saltationismus (Otto Schindewolf)
oder von einer Makromutation im Sinne von Richard Goldschmidt aus. Diese
Vorstellungen sind überholt, unter anderem durch Evo-Devo, und spielen
in der Evolutionstheorie praktisch keine Rolle mehr, auch wenn sie häufig
noch in populärwissenschaftlichen Publikationen kursieren (vgl.
Carroll 2008, 52f.). Zwar gehen die genannten Autoren von einer
großen und in diesem Sinn "sprunghaften" Veränderung hinsichtlich
einer Teilstruktur des Schildkrötenbauplans aus, nämlich von einer
Verschmelzung der Rippenbögen und Wirbelfortsätze zu einem Panzer,
die durch wenige Veränderungen bei der Steuerung der Ontogenese
möglich wird. Damit ist aber keineswegs gesagt, dass die Evolution des
gesamten Bauplans zeitlich schnell vor sich ging, oder dass keine
ökologisch erfolgreichen Zwischenformen existiert hätten. Die
Kernaussage ist eine andere: Wenn man den fertigen Schildkrötenpanzer
mit dem Körperbau anderer Reptilien vergleicht, hat man eine erstaunliche
Neuentwicklung vor Augen. Wenn man jedoch die frühe Ontogenese der
Schildkröten, und die diese steuernden Gene, mit der Ontogenese anderer
Reptilien vergleicht, lässt sich diese Neuentwicklung mit relativ wenigen
Umsteuerungen erklären.
Was beim Phänotyp sprunghaft aussieht, ist entwicklungsbiologisch also
in einzelne Schritte aufteilbar. Deshalb lässt sich die Alternative
"sprunghaft" oder "schrittweise", die Junker benutzt, auf Modelle der
evolutionären Entwicklungsbiologie nicht anwenden, oder sie ist zumindest
missverständlich. Das gilt sogar für Rieppel (2001), der
meint, ein wesentlicher Schritt der Evolution zur Schildkröte habe einen
Entweder-Oder-Charakter. Der Schultergürtel müsse entweder oberhalb
der Rippenbögen (wie bei anderen Wirbeltieren) oder unterhalb liegen,
wie bei den Schildkröten. Die Vorläuferzellen dieser Skelett-Teile
müssten im Embryo entweder aus ihrer üblichen Position abwandern
(was sie bei Schildkröten tun) oder nicht. Eine graduelle Verlagerung
relativ zueinander sei nicht denkbar ("...there are no intermediates...",
991). Aber natürlich sind viele relative Positionen dieser Gewebe zueinander
denkbar und durch einfache Umsteuerungen der Ontogenese erreichbar. Rieppel
meint wohl etwas anderes, nämlich dass nur eine sprunghafte Verlagerung
dieser Gewebe - vollständig nach oben bzw. unten - einen Vorteil für
das fertige Tier gehabt haben könne. Zwischenschritte könnten keinen
Vorteil gehabt haben, oder könnten nicht zu sinnvollen Bauplänen
für das Skelett führen. Ob er damit Recht hat, ist zweifelhaft.
Es lassen sich sehr wohl schrittweise Verlagerungen von Schultergürtel
und Rippenbögen mit einer funktionierenden Struktur des Skeletts
vereinbaren.
Wie noch zu zeigen sein wird, sind wir inzwischen auch nicht mehr auf Vermutungen
angewiesen. Es gibt fossile Modelle, die gegen Rieppels Behauptung sprechen.
Dennoch ist auch er in den Rahmen von Evo-Devo einzuordnen. Denn selbst wenn,
wie Rieppel meint, die relative Verlagerung von Geweben im Embryo am Anfang
der Evolution der Schildkröten schnell erfolgte (was immer noch viele
Generationen bedeuten kann) heißt das nicht, dass alle weiteren Schritte
zum heutigen Panzer (oder gar zum gesamten Bauplan) ebenso zügig getan
wurden. Dass er im Übrigen nicht die evolutionsbiologische Mehrheit
repräsentiert wird deutlich, wenn man andere Modelle heranzieht, die
Junker übergeht. Sie nehmen als ersten Schritt der Evolution eine zunehmend
verstärkte Hautpanzerung (durch Osteoderme) an. Diese Hautpanzerung
verschmolz erst in einem weiteren Schritt allmählich mit dem Innenskelett,
vor allem den Rippenbögen und Wirbelfortsätzen, die zu diesem Zweck
oberhalb des Schultergürtels entstanden (s. die Diskussion bei Joyce
et al. 2009, 6 - 7).
Phänotypisch gibt es also in einem solchen Modell mehrere Schritte bzw.
Baupläne für die Panzerung. Es ist aber nicht gesagt, dass die
genetischen Veränderungen dafür komplizierter gewesen sein, oder
länger gedauert haben müssten, als in Rieppels Modell. Alle Hypothesen
waren nur vergleichend morphologisch, entwicklungsbiologisch und histologisch
prüfbar, solange keine Fossilien mit unvollständiger Panzerung
bekannt waren. Ein eindeutiges Ergebnis erbrachten diese Methoden bis zur
Auffindung der erwähnten, neuen Fossilien also nicht (Joyce et
al. 2009).
Fehlleistungen und Umdeutungen
Selbst die einseitig ausgewählten Meinungen aus der Biologie taugen
nicht zur grundsätzlichen Kritik an Evo-Devo
(2). Deshalb greift Junker zu irreführenden
Verallgemeinerungen und interpretiert Zitate gezielt um. Zum Beispiel
schließt Rieppel keineswegs eine schrittweise Entstehung des
Schildkrötenpanzers an sich aus. Wie gesagt, er spricht nur über
einen bestimmten ontogenetischen Umbau - einen Teilaspekt in der Evolution
des Schildkrötenpanzers. Wenn es bei Junker heißt: "Eine schrittweise
Entstehung wird von vielen Biologen in diesem Fall ausgeschlossen", muss
man als Leser aber an den kompletten Panzer denken und annehmen, dass
nach Ansicht "vieler Biologen" ein ungepanzertes, diapsides Reptil in der
Zeit der Trias ein Ei gelegt habe, aus dem ein gepanzertes Exemplar
geschlüpft sei. Eine solche Saltation wäre in der Tat auch mit
Evo-Devo nicht zu erklären, so dass man hier, wie Junker suggeriert,
wieder an spezielle Schöpfungsakte denken könnte.
Die Konsequenz, dass "viele Biologen" entweder unplausible
Entwicklungssprünge oder aber Schöpfungsakte annehmen, wird nicht
ausdrücklich gezogen. Zu offensichtlich ist, dass die zitierten Biologen
nichts dergleichen denken. Denn weder die Migration von
Vorläuferzellen der Rippenbögen nach außen, noch die
Vergrößerung einer Extremitätenknospe, die zur Anlage für
Teile des Carapax wird, erfordern unerklärbare Entwicklungssprünge.
Verknöcherte Hautbereiche, die der Panzerung dienen, wie sie andere
Modelle voraussetzen, sind sogar keine seltene Erscheinung bei Wirbeltieren.
Vermutlich steht hinter Junkers Argumentation die für "Intelligent Design"
typische Vermutung, dass nur der "fertige" Schildkrötenbauplan einen
Selektionsvorteil gehabt hätte, so dass Zwischenschritte auf diesem
Weg dorthin nicht evolutionär fixiert worden wären. Aber diskutiert
wird dieser Punkt nicht - und er ist auch nicht plausibel, wie unten noch
zu zeigen sein wird. Denn Ende 2008 bewirkte die Entdeckung einer
Schildkröte in China, die älter war als Proganochelys, eine
kleine paläontologische Sensation. Das Fossil ist rund 220 Millionen
Jahre alt und wurde Odontochelys semitestaceae genannt, vom
Namen her also eine aquatische "Halbschildkröte" mit bezahntem Kiefer
(Li et al. 2008). Dieses Fossil weist ein entwickeltes Brustschild
(Plastron) auf, aber noch keinen Rückenschild (Carapax). Die oberen
Rippenbögen sind schon verbreitert, bilden aber noch keinen
vollständigen Schutz. Wenn man dieses Fossil als Ausgangspunkt für
die Evolution des Panzers betrachtet, hätte sich zuerst der Bauchpanzer
gebildet, und in einem späteren Schritt der Rückenpanzer.
Dass ein einzelnes Fossil keine Entwicklungsreihe belegen kann, ist
selbstverständlich, aber immerhin war mit diesem Fund ein mögliches,
und sogar plausibles, Modell für einen Zwischenschritt zur Evolution
des kompletten Panzers fossil ersichtlich. Daher versuchte Wort und
Wissen die Bedeutung des Funds zu entkräften (Junker 2008b).
Man berief sich auf eine alternative Deutung von Odontochelys als
aquatische Form, die den Rückenpanzer reduziert habe (Reisz/Head
2008). Allerdings halten auch diese Autoren die Interpretation von Li et
al. für plausibel. Sie bevorzugen aber die Sichtweise, dass
Odontochelys zwar unstrittig die primitivste bekannte Schildkröte
sei, dass sie aber von noch früheren, unbekannten Formen abstamme, die
bereits einen Carapax besessen hätten. Odontochelys hätte
durch Anpassung an ihre aquatische Lebensweise die Verknöcherung des
Carapax reduziert. Dies ist derzeit nicht auszuschließen, aber die
aufwändigere (und damit unplausiblere) phylogenetische Hypothese. Es
gibt viele heutige Schildkrötenarten, die als Anpassung an das Wasserleben
den Panzer reduzierten; aber in der Regel nicht vorwiegend den Carapax, sondern
das Plastron, solange nicht beide verschwinden (wie bei den
Weichschildkröten).
Odontochelys ist und bleibt also eine sehr ursprüngliche, einmalige
Form am Anfang der Schildkröten-Evolution. Das teilt Junker der Leserschaft
nicht mit. Stattdessen bemängelt er, dass Hemminger die alternative
Deutung Reiszs nicht erwähnt habe. Diese Kritik (Junker 2009)
bezieht sich auf einen Beitrag in einem Ausstellungsband
(Schmid/Bechkly 2009, dort Hemminger 173 - 179), der nur eine
sehr kurze Behandlung des Themas erlaubt. Es ist gestattet, in einem solchen
Beitrag den Sachstand nach bestem Wissen verkürzt darzustellen. In einer
Abhandlung von 45 Seiten ist das eher anrüchig. Also muss sich Junker
fragen lassen, warum er nur die angeblich "vielen Biologen" erwähnt,
deren Hypothese ihm dienlich war, und nicht die vielen anderen.
Weshalb hätte Hemminger die Interpretation von Reisz/Head überhaupt
verschweigen sollen? Ihre Deutungsalternative, wonach der Carapax von
Odontochelys semitestacea sekundär reduziert wurde,
verschärft das Problem nicht, die (sukzessive) Entstehung des
Schildkrötenbauplans aus evolutiver Perspektive zu erklären. Sie
schiebt diese nur in Richtung mittlere Trias weiter, wogegen prinzipiell
nichts sprechen würde. Und ein Merkmal, dessen Komplexität sich
reduzieren lässt, könnte umgekehrt auf demselben Weg auch
evolutionär entstanden sein! Das heißt, selbst wenn
Odontochelys semitestacea tatsächlich von einer Ahnenart
abstammen sollte, die bereits einen voll ausgebildeten Carapax besessen hat,
beweist die bezahnte Halbschildkröte, dass das Entwicklungsprogramm,
das für den Aufbau des Rückenpanzers verantwortlich ist, über
ein Stadium führt, das durch die starke Verbreiterung dorsaler
Rippenbögen hinsichtlich der Morphologie schon nahe am Panzer ist. Folglich
handelt es sich um eine Zwischenform, die modellhaft als Vorstufe einer voll
gepanzerten Schildkröte infrage kommt. Aber die Hypothese von Li
et al. (2008) vereinfacht das evolutionäre Problem, anstatt es wie
Reisz/Head komplizierter zu machen, und nur darauf kommt es beim
gegenwärtigen Stand der Dinge an.
Makroevolution und die Einmaligkeit der
Schildkröten
Ein weiterer Vorwurf (Junker 2009) lautet, Hemminger habe die
Begründung von Wort und Wissen dafür unterschlagen, dass
die Entstehung des Schildkrötenpanzers ein makroevolutionärer Schritt
gewesen sei. Man kann aber nichts unterschlagen, was nicht da steht. Eine
sprunghafte Entstehung des Panzers im Sinn einer Makroevolution, wie Wort
und Wissen sie versteht, wurde von Junker nicht begründet, sondern
lediglich mit uminterpretierten Zitaten von Autoren belegt, die in Wirklichkeit
ihre Evo-Devo-Hypothesen diskutieren. Dieser Umgang mit Zitaten ist im
Kreationismus leider allgegenwärtig. Dazuhin ärgert sich Wort
und Wissen offenbar über den generellen Vorwurf, die Studiengemeinschaft
würde in der naturwissenschaftlichen Diskussion "Calvinball" spielen.
Sie würde immer dann, wenn ein Argument nicht zu halten ist, nicht etwa
das Argument, sondern die Regeln des Argumentierens ändern.
Diesen Vorwurf muss man leider auch für den Fall des
Schildkrötenpanzers aufrecht halten. Junker ändert dieses Mal zwar
nicht die Regeln, aber unmerklich das Thema! Es geht ihm nun nicht mehr um
die Frage, warum es sich bei der Evolution des Schildkrötenpanzers um
einen "makroevolutiven Schritt" handeln soll, der im Gegensatz zur schrittweisen
Entstehung des Panzers steht, sondern um die Frage, in wie vielen Merkmalen
der Schildkrötenbauplan von dem der übrigen Reptilien abweicht
(Junker 2009, 1 - 2):
"Hemminger teilt seinen Lesern diese Begründung [warum es sich bei der
Entstehung des Schildkrötenpanzers um eine "Makroevolution" handele;
HH.] nicht mit, obwohl sie im selben Artikel zu finden ist wie das Zitat,
das er anführt. So schreiben Gilbert et al. (2001, 47): "Insgesamt
enthält der Panzer über 50 Hautknochen, die bei keiner anderen
Wirbeltier-Ordnung bekannt sind, und die Anwesenheit dieser Knochenhülle
erforderte aufwändige Veränderungen des Vierfüßerbauplans.
... Der Hals, der Schädel und der Kopulationsapparat sind ebenfalls
in hohem Maße verändert." Die Neuorganisation des Bauplans betrifft
auch Atmung und Fortbewegung "radikal", und sie ist von allen anderen
Wirbeltieren verschieden (Burke 1989, 364)."
Das alles aber ist für die Frage nach der Evolution des Panzers (sprunghaft
oder nicht?) völlig bedeutungslos. Denn niemand bestreitet, dass die
Schildkröten besondere Züge ihrer Morphologie und Physiologie
aufweisen. Sie sind die einzigen heute lebenden Reptilien mit einer derartigen
Panzerung, und natürlich zog die Entwicklung des Panzers eine Reihe
weiterer Veränderungen nach sind. Die fünfzig Knochenplatten (38
des Carapax, 12 des Plastrons) sind dabei vermutlich noch der kleinste Schritt.
Knochige Hautplatten in prinzipiell beliebiger Zahl können bei Wirbeltieren
(vor allem bei Reptilien) evolutionär einfach entstehen und traten vielfach
konvergent auf. Es gibt sie bei Eidechsen und Krokodilen, auch bei
Gürteltieren und anderen Säugern, es gab sie bei mehreren
Dinosauriergruppen, bei Panzerfischen des Devon usw. Sie erfordern lediglich
knochige Einlagerungen in der Haut, die der Körperkontur folgen. Man
kann dennoch von einem einzigartigen Bauplan der Schildkröten sprechen
- nicht wegen der Hautknochen, sondern wegen der hochspezifischen
Merkmalskombination, die den Schuldkrötenpanzer ausmacht. Aber warum
sollten diese Merkmalskombination "sprunghaft" und nicht schrittweise entstanden
sein?
Für diese Hypothese spricht rein gar nichts. Zum Beispiel kann die Atmung
nicht mehr durch Bewegungen des Rippenkorbs erfolgen, vielmehr pressen
Schildkröten die Luft über eine Art Zwerchfell aus den Lungen,
wofür sie u. a. die Bauchmuskulatur (Musculus transversus) nutzbar
machen, die mit der Panzerinnenseite verwachsen ist. Da auch andere
Landwirbeltiere überwiegend über das Zwerchfell atmen, waren
dafür keine "radikale" Neuorganisation des Bauplans erforderlich, sondern
allenfalls heterochrone Verlagerungen von Bindegewebe und Muskelansätzen.
Wenn der starre Rippenkorb sukzessive entstand, wie die derzeit bekannten
Fossilien nahe legen, konnten sich diese und andere Optimierungsschritte
(Veränderungen des Halses und des Schädels, Verknöcherung
der Hautplatten etc.) ebenfalls schrittweise vollziehen.
Baupläne, die im selben Sinn "einmalig" sind wie der von Schildkröten,
gibt es übrigens viele, ganz so, wie man es aufgrund der Evolutionstheorie
erwartet. Bei den Fledermäusen führte die Evolution des aktiven
Flugvermögens zu einer ganzen Reihe von "Einmaligkeiten" unter den
Säugetieren, noch mehr bei den Walen (Cetaceae) die Rückkehr zum
Wasserleben. Aber letztere bilden keine tauglichen Beispiele für Wort
und Wissen, dazu ist ihre Evolution fossil inzwischen zu gut belegt.
Also müssen jetzt die Schildkröten für die
Lückenbüßer-Argumentation von Wort und Wissen herhalten
- so lange, bis die Paläontologen auch diese Lücke schließen.
Die dünn gepanzerte
Schildkröte
Im Februar 2009 wurde prompt die Entdeckung einer weitere Zwischenform in
New Mexiko bekannt: Chinlechelys tenertesta aus der oberen Trias mit
einem Alter von 220 bis 205 Millionen Jahren, vom Bauplan her eine der
ursprünglichsten der heute bekannten Schildkröten und zeitlich
zwischen Odontochelys und Proganochelys anzusiedeln. Es handelt
sich, anders als bei Odontochelys, um eine terrestrische Art. "Chinle"
ist der Name der geologischen Formation, in der das Fossil entdeckt wurde,
und "tenertesta" kann man als "dünnschalig" wiedergeben. Das Fossil
besitzt dem Anschein nach ein Hypoplastron (mittlere Knochenplatten des
Bauchpanzers), weist aber wie Odontochelys noch keinen dicken Carapax
auf, sondern wahrscheinlich lediglich 1-2 mm dünne, isolierte Hautplatten
(Osteoderme), welche mit den dorsalen Rippen nur lose verbunden sind (Joyce
et al. 2009). Diese Hautplatten bildeten über dem nicht einziehbaren
Hals vermutlich Dornen oder Spitzen, wie sie auch von dem nur wenig
jüngeren oder sogar gleich alten Fossil Proganochelys bekannt
sind. Die Autoren vermuten, dass das gesamte Rückgrat ähnlich gepanzert
war. Skelettknochen bilden dagegen, soweit vorhanden, nur eine dünne
Panzerung.
Chinlechelys liefert damit ein weiteres Modell für eine
mögliche Entwicklung des Panzers: Bei Übergangsformen könnte
er noch durch eine schützende Bestachelung ergänzt worden sein.
Diese wurde danach, ebenso wie vermutlich die Schwanzkeule von
Proganochelys, durch die weitere Verbesserung des Panzers, vor allem
durch die Verschmelzung von Rippenkorb und Hautknochen, und später durch
die Entwicklung eines einziehbaren Kopfes, Zug um Zug überflüssig.
Damit erhärtet dieser Fund laut Joyce die oben erwähnte Hypothese,
"dass der Schildkrötenpanzer eine komplexe Struktur darstellt, die nicht
de novo entstanden ist, sondern das Verschmelzungsprodukt der in einer
Ahnenlinie bereits vorhandenen Hautknochen, Rippenbögen und Wirbelknochen
darstellt" Joyce et al. 2009, 507; Übersetzung Martin Neukamm).
Nach Ansicht der Autoren reichen geringfügige, sukzessive auftretende
Veränderungen in der späteren Keimesentwicklung für die einzelnen
Schritte aus.
Dass der fehlende Carapax bei Odontochelys keine Anpassung an die
aquatische Lebensweise darstellte, sondern ein ursprüngliches Merkmal
war, wird durch den neuen, etwas jüngeren Fund ebenfalls wahrscheinlicher,
wenn auch nicht bewiesen. Von ihm wusste Junker bei Abfassung seiner Kritik
offenbar nichts. Aber dass er auf einer Basis argumentierte, die auf Dauer
nicht zu halten sein würde, weil sie sich ausschließlich auf eine
Wissenslücke stützt, hätte er schon 2008 wissen können,
wäre er nicht im Paradigma des Kreationismus gefangen. Denn wie immer
bei "Lückenargumenten" werden sie durch den Forschungsfortschritt Zug
um Zug aufgelöst. Auch wenn die Evolution des Schildkrötenpanzers
noch lange nicht völlig geklärt ist: Dass es sich um einen
unerklärten Fall von Makroevolution handelt, kann niemand mehr ernsthaft
behaupten.
Die verborgene Agenda
Die Art, wie Junker die Evolution des Schildkrötenpanzers behandelt,
entspricht dem Stil von Wort und Wissen, den er maßgeblich mit
geprägt hat. Das Daten- und Zitatenmaterial ist reichhaltig, dient aber
anders als in naturwissenschaftlichen Publikationen nicht dem Ziel, den Stand
der Forschung korrekt und komplett darzulegen, sowie die eigene Theorie zu
entwickeln und zu begründen. Man kann aus den zitierten Texten nichts
darüber entnehmen, wie sich Junker die Evolution der Schildkröten
vorstellt. Selbst der Grundsatzartikel von 45 Seiten gibt nur ganz wenige
Hinweise auf seine eigene Position. Die Kritik von Wort und Wissen
an der Naturwissenschaft ist ausschließlich destruktiv, und dafür
werden die Zitate benutzt - wenn es sein muss, auch uminterpretiert. Deshalb
werden im Fall der Schildkröten Zitate gewählt, die mit Begriffen
wie "sprunghaft" und "Makroevolution" operieren, und andere werden ignoriert.
Deshalb werden neue Fossilfunde für bedeutungslos oder sogar zum Problem
erklärt; ein evolutionstheoretischer Fortschritt wird von ihnen nicht
abgeleitet. Nie schlägt Junker (und Wort und Wissen im Allgemeinen)
eine Verbesserung der bisherigen Hypothesen vor. Wie sollte es anders sein,
da Wort und Wissen von vornherein davon überzeugt ist, dass zwischen
Schildkröten und anderen Reptilien ein Bauplanunterschied vorliegt,
der nie durch Evolution überbrückt wurde oder überbrückt
werden konnte. Es gibt kein Forschungsinteresse an der Evolution der
Schildkröten und an irgendeiner anderen evolutionsbiologischen Frage,
sondern nur ein Abwehrinteresse. Das Grundtypen-Modell von Wort und
Wissen besagt, dass die Schildkröten mit ihren heutigen 13 Familien
vermutlich als rund 13 Grundtypen vor etwa 10.000 Jahren speziell erschaffen
wurden. Zu den heutigen Arten entfaltet haben sie sich seither nur
innerhalb dieser Grundtypen. Aber dieses Modell wird nicht
wissenschaftlich kritisch diskutiert, und schon gar nicht mit den
evolutionsbiologischen verglichen. Es liefert eine verborgene Agenda, die
nicht offen gelegt wird. Es wäre zu offensichtlich ungenügend,
wie sollte es zum Beispiel mit den paläontologischen Daten umgehen?
Dass Junker gegen die Evolutionstheorie argumentiert, um eine eigene Agenda
zu begründen, die man als Leser nicht ohne weiteres erfährt, hat
eine paradoxe Wirkung und lenkt die Kommunikation in eine bestimmte Richtung.
Zum einen immunisiert sich Wort und Wissen dadurch gegen
naturwissenschaftliche Einwände. Man nimmt die Rolle der Kritiker ein,
stellt sich selbst aber nicht der Kritik, auch wenn vereinzelt die Probleme
der eigenen, kreationistischen Sicht eingeräumt werden.
Weiterhin manövriert man sich dadurch in die Rolle des Opfers unsachlicher
Angriffe. Wer destruktiv kritisiert, ohne seine eigene Position offen zu
legen und diese nötigenfalls zu revidieren, weckt Ressentiments und
provoziert Gesprächsverweigerung. Genau das erlebt Wort und Wissen
von Seiten der Wissenschaft und kann die Kritiker dadurch als angebliche
Ideologen ins Unrecht setzen. Letztere geben irgendwann die fruchtlose Debatte
auf, und bestätigen damit erneut dieses Feindbild.
Allerdings muss eingeräumt werden, dass das Feindbild der ideologisch
verbohrten und ungläubigen Naturwissenschaftler bei Wort und Wissen
vergleichsweise noch harmlos ausfällt. Die von der Studiengemeinschaft
gepflegte Kommunikationskultur des permanenten Bemängelns ist der
fundamentalistischen Intoleranz und der totalen Ignoranz anderer Kreationisten
durchaus vorzuziehen. Für Wort und Wissen schreiben und sprechen
in der Regel keine Fanatiker, und die menschliche Abwertung von Andersdenkenden
hält sich vergleichsweise in Grenzen. Immerhin setzt die "Kultur des
Bemängelns" auch einige Sachkenntnis voraus, und ein
Schwarz-Weiß-Denken ist für sie nicht nötig, sondern nur
die Fähigkeit, mit kognitiven Diskrepanzen zu leben.
Immunisierungsstrategien sind viel besser als Fanatismus, zumindest für
die Außenstehenden. Das ist positiv anzumerken. Aber zur Freiheit der
Forschung, die unverzichtbare Grundlage der Naturwissenschaft ist, und zur
Revision der kreationistischen Sichtweise, führt auch von der Kultur
des Bemängelns bei Wort und Wissen kein Weg: Das Denken, die
Ergebnisoffenheit und die freie Suche nach Wahrheit wird durch die Anerkennung
von Dogmen und Autoritäten massiv beeinträchtigt. Da sich die freie
Suche nach Wahrheit historisch von der "Freiheit eines Christenmenschen"
ableitet, die zum Beispiel Galileo Galilei gegen das dogmatisch festgefügte
Naturbild seiner Kirche in Anspruch nahm, kann man Kreationisten nur
wünschen, dass sie zu der Freiheit (zurück) finden, wie Galilei
im "Buch der Natur" zu lesen, ohne Angst um ihren Glauben zu haben.
Literatur
Carroll, S.B. (2008) Evo-Devo - das neue Bild der Evolution. Berlin University
Press, Berlin.
Conway Morris, S. (2009) Jenseits des Zufalls - wir Menschen im einsamen
Universum. Berlin University Press, Berlin.
Joyce, W./Spencer, L./Scheyer, T./Heckert, A./Hunt, A. (2009) A thin-shelled
reptile from the Late Triassic of North America and the origin of the turtle
shell. Proc. R. Soc. B 276, 507 - 513.
Junker, R. (2008a) Evo-Devo als Schlüssel zur Makroevolution?
www.genesisnet.info Stand 9.5.2008.
Junker, R. (2008b) Schildkröten-Übergangsform?
www.genesisnet.info/index.php?News=121.
Stand 19.12.2008.
Junker, R. (2009) Von Schildkröten, Makroevolution und Kreationismus.
www.genesisnet.info/index.php?News=126.
Stand 27.03.09.
Kirschner, M.W./Gerhart, J.C. (2007) Die Lösung von Darwins Dilemma
- wie die Evolution komplexes Leben schafft. Rowohlt, Reinbek.
Li C./Wu, X.C./Rieppel, O./Wang, L./Zhao, L. (2008) An ancestral turtle from
the Late Triassic of southwestern China. Nature 456, 497 - 501.
Reisz, R./Head, J. (2008) Palaeontology - Turtle origins out to sea. Nature
456, 450 - 451.
Schmid U./Bechkly, G. (Hg, 2009) Evolution - Der Fluss des Lebens. Stuttgarter
Beiträge zur Naturkunde, Serie C 66/67.
_____________________________________________
Fußnoten:
(1) Gemeint sind erbliche Veränderungen, die
nicht in der DNA-Sequenz liegen, z.B. konkrete Methylierungs- und
Acetylierungsmuster (DNA bzw. Histone), weiterhin metastabile und daher in
gewissem Sinn vererbbare physiologische Zustände, die z.B. dafür
sorgen, dass Efeu-Stecklinge entweder die lanzettliche Jugendform oder die
dreilappige Adultform der Blätter ausbilden. Schließlich gibt
es systembedingte Zwänge, die unmögliche sowie mögliche
Entwicklungsrouten definieren und daher kanalisieren. Letzteres ist gemeint,
wenn man von "epigenetischer Landschaft" spricht.
(2) Junkers Anmerkungen in Abschnitt 4.1 beziehen
sich nicht mehr auf den Schildkrötenpanzer, sondern bestreiten generell,
dass Veränderungen von Entwicklungsprozessen große
Bauplanänderungen in der Evolution bewirken könnten. Darauf einzugehen,
würde hier zu weit führen.
Danksagung: Der Autor dankt Dr. Rainer Schoch vom Staatlichen
Museum für Naturkunde in Stuttgart für die kritische Durchsicht
des Textes.
Autor:
Hansjörg
Hemminger
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in Biologie, Kultur und Gesellschaft
01.05.09