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Kommentar:
Und täglich
grüßt das Murmeltier: die Argumentation von Wort und
Wissen
Ein Kommentar zur Rezension des Buchs "Und Gott schuf Darwins Welt"
Unlängst haben Reinhard Junker
und Henrik Ullrich von der Studiengemeinschaft "Wort & Wissen" das Buch
"Und Gott schuf Darwins Welt" von Hansjörg Hemminger (Hemminger
2009) rezensiert (Junker & Ullrich 2009). Wie erwartet fiel
diese Rezension sehr negativ aus, denn Hemminger teilt das biblizistisch-literale
Textverständnis von Wort & Wissen nicht. Aus diesem Grund kann es
seitens der Studiengemeinschaft kein auch noch so kleines Zugeständnis
an Personen oder Positionen geben, die z. B. die moderne Evolutionstheorie
vertreten und somit logischerweise - wenn sie so wie Hemminger Christen sind
- eine nicht-literale / nicht-wörtliche Lesart des Bibeltextes
befürworten.
Positiv ist zu vermerken, dass Wort & Wissen sich im Vergleich zu allen
anderen kreationistischen Autoren in der Wortwahl sehr zurück hält,
man ist augenscheinlich bemüht, sachorientiert und so wenig polemisch
wie möglich zu argumentieren. Es ist ebenfalls anzuerkennen, dass die
Rezension auf das Buch und seinen Inhalt fokussiert, nicht auf die Person
des Autors (Technik der ad-hominem Argumentation oder besser -Verunglimpfung,
die sich unter Kreationisten leider ebenfalls hoher Beliebtheit erfreut).
Bedauerlicherweise gibt es auch im atheistischen Lager so manchen, der sich
hier ein Vorbild nehmen könnte. (Auf die theologischen Argumente soll
hier nicht eingegangen werden, denn die sind eine Angelegenheit zwischen
den weltanschaulichen Positionen der evangelischen Landeskirche einerseits
und Wort & Wissen andererseits.)
Auf der Ebene des evolutionstheoretischen Diskurses ist der Text von Junker
& Ullrich - wieder einmal - enttäuschend. Die Argumentation der
Studiengemeinschaft ist immerzu durch dieselben Fehler, Verdrehungen und
Immunisierungsstrategien gekennzeichnet. Angesichts der Tatsache, dass sie
wiederholt auf diese Problematik hingewiesen wurde, muss man mittlerweile
von Unbelehrbarkeit (schlimmstenfalls von bewussten Verdrehungen in
obskurantistischer Absicht) sprechen und sich fragen, ob eine ernsthafte
Auseinandersetzung mit Wort & Wissen nicht aufgrund von Sinnlosigkeit
beendet werden sollte.
Nach wie vor missachtet man die erkenntnistheoretischen Grundlagen der
Evolutionstheorie. Hierzu ein Beispiel - Hemminger schreibt auf S. 103:
Die Abstammungstheorie lässt sich
vernünftigerweise und in Kenntnis ihrer "Dokumente" nicht bestreiten,
sofern man der menschlichen Vernunft überhaupt zutraut, rationale
Erklärungen für Naturvorgänge zu finden. Eine wissenschaftliche
Diskussion über diese Frage ist überflüssig.
Dies wird von Junker & Ullrich zitiert und wie folgt bewertet:
Die Evolutionstheorie ist also für Hemminger nicht
mehr hinterfragbare Grundlage für die Diskussion der Beziehung von
christlichem Glauben und Naturwissenschaft. Der Kritik an dieser Position
stellt er sich in diesem Buch praktisch nicht.
Dies ist vollkommen an der Realität vorbei
argumentiert: Die Theorien der empirischen Wissenschaften sind und bleiben
grundsätzlich und immer hinterfragbar; das unterscheidet sie von
weltanschaulich-dogmatischen Positionen wie der von Wort & Wissen. Sofern
also neue, wissenschaftliche Befunde auftauchten, die Evolution in Frage
stellten, würde man die Evolutionstheorie ('ET'), korrigieren, modifizieren
oder im Extremfall sogar verwerfen (müssen). Solange jedoch derlei Befunde
nicht bekannt sind, wird man den 100.000 Evolutionsbelegen keinen 100.001sten
hinzu fügen wollen - es wäre sinnlos, weil Holz in den Wald geschleppt.
Solange es derartige Befunde nicht gibt, wird man also auf der pragmatischen
Ebene die Evolution, so wie sie im Wesentlichen von der heutigen Standard-ET
beschrieben wird, als "Faktum" ansehen (müssen). Dies mit einer
nicht-Hinterfragbarkeit gleichzusetzen, ist völlig unsinnig: Das
Römische Imperium, die Steinzeitkulturen, die Geometrie unseres
Sonnensystems, die Atomtheorie - all das sind in exakt demselben Maße
"Fakten" wie unser modernes Bild der Evolution, ohne dass sich jemand ernsthaft
darüber aufregt. Sollten neue Befunde auftauchen, wird man korrigieren.
Solange das nicht der Fall ist, werden wir nicht in einem unendlichen,
schwammigen Relativismus verfallen und alles als "unklar" und "fragwürdig"
erklären.
Wiederholt wurde Wort & Wissen aufgefordert, wissenschaftliche Belege
contra Evolution vorzulegen und im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen
in der Wissenschaftsgemeinschaft zu diskutieren. Kreationistische Schriften
im Internet oder in christlichen Verlagen zählen nicht, wie man bei
W&W sehr wohl weiß. Ebenso wenig zählen die "Fachgruppen",
in denen bei W&W wissenschaftliche Publikationen evolutionskritisch oder
gar kreationistisch gedeutet werden, als wissenschaftliche Arbeit:
Forschungsprojekte bedeuten eigene, praktische, mühsame Arbeit im Labor
oder im Feld.
Junker & Ullrich schreiben weiter:
Das ganze Buch durchzieht ein grundlegender kategorialer
Fehler: Hemminger setzt die Akzeptanz des Evolutionsparadigmas mit der Akzeptanz
von Naturwissenschaft gleich. Diese Gleichschaltung ist aus mehreren
Gründen sachlich falsch. Auch ohne das Paradigma Evolution gelang und
gelingt eine erfolgreiche Naturwissenschaft.
Aus Hemmingers Text(en) diese "Gleichschaltung" heraus zu lesen, ist ein
fundamentales Missverständnis. Genau anders herum wird ein Schuh daraus:
W&W verwirft oder negiert einfach alle wissenschaftlichen Erkenntnisse,
die mit ihrer Kurzzeit-Weltgeschichte inkompatibel sind: Weite Teile der
Kosmologie, der Geologie, Geophysik, Evolutionsbiologie, Paläontologie,
Archäologie und Religionswissenschaft - und dies nur, weil sie der
wörtlichen Auslegung der Genesis im Wege stehen. Das kann und darf man
ruhigen Gewissens und sachlich korrekt als "Wissenschaftsfeindlichkeit"
bezeichnen. Freilich: Außerhalb der "anrüchigen Wissenschaftszweige"
kann sicher auch ein Kreationist lege artis forschen: Da es keine biblischen
Stellen gibt, welche die Atomtheorie in Frage stellen, wird ein kreationistischer
Chemiker nichts anderes tun als ein aufgeklärt-christlicher oder
atheistischer. Wie Junker & Ullrich ja selber schreiben:
Die Diskussion um Evolution, Design und Kreationismus
berührt gerade diejenigen Wissenschaftsfragen überhaupt nicht,
von deren Ergebnissen unsere Gesellschaft z.B. in Medizin und Technik profitiert.
Zudem geht der Fortschritt der Wissenschaft keineswegs automatisch mit einem
Fortschritt in Ursprungsfragen einher!
Genau so ist es! Und genau das steht ja gerade nicht zur Debatte -
jedenfalls nicht im hier diskutierten Kontext Evolutionswissenschaft (und
Kosmologie etc.).
Junker & Ullrich:
Evolutionsforschung, als methodisches Instrument, nutzt
zwar wie jede Ursprungs- und Naturgeschichtsforschung naturwissenschaftliche
Elemente, ist aber keine reine Naturwissenschaft, sondern eine historische
Wissenschaft mit dem Ziel der Rekonstruktion von Naturgeschichte.
Auch hier erfolgt die bei W&W übliche Fehleinschätzung empirischer
Wissenschaft: Es geht nicht um die Frage, ob wir es hier mit einer
"naturwissenschaftlichen Frage" zu tun haben, sondern um die Methodik
der "empirischen Wissenschaft" - und die ist dieselbe für
Realwissenschaften mit und ohne historischer Komponente. Mit
dem argumentativen Trick, hier eine künstliche Trennung zwischen
"Gegenwartswissenschaften" und "historischen Wissenschaften" zu konstruieren,
versucht W&W, historische Wissenschaften als "grundsätzlich
weltanschaulich beeinflusst und geleitet" abzuwerten und ergo kreationistischen
Ideen qualitativ gleichstellen zu können. Auf die Unhaltbarkeit dieser
Position wurde W&W mehrfach hingewiesen, was notorisch ignoriert wird.
Immer wieder erscheint Naturwissenschaft oder Wissenschaft
in Hemmingers Buch faktisch als etwas objektiv Vorgegebenes, völlig
unabhängig von subjektiven Elementen, wie ein absoluter Maßstab,
der das weitere Denken und das Wie des Glaubens bestimmt.
Die Frage, ob überhaupt irgendetwas, völlig unabhängig
von Subjektivität, absolut wahr und vorgegeben sein kann, muss man
entschieden mit NEIN beantworten. Aber Hemminger hat nirgends dergleichen
behauptet. Mit derartigen Vorwürfen lenken Junker & Ullrich davon
ab, dass die empirische Wissenschaft (und damit auch die
Evolutionswissenschaften) eine klar definierte, logisch strukturierte und
vor allem prüfbare Methodologie besitzen, der von ihnen vertretene
Kreationismus aber nicht.
Speziell der Naturwissenschaft wird damit ein Stellenwert
und eine Qualität zugebilligt, die ihr nicht zukommen. Zum einen, weil
sie "nur" ein Werkzeug ist, mit dem man unter der Leitung verschiedener
Paradigmen Daten gewinnen und "Wie"-Fragen beantworten kann. Sie ist aber
kein Werkzeug, mit dem alleine Ursprungsfragen ("Woher"-Fragen) sicher
beantwortet werden können.
Auch in diesen Aussagen spiegelt sich ein wüstes Durcheinander aus
Halbwahrheiten und Irrtümern: "Sicher" kann man in der Wissenschaft
rein gar nichts beantworten, jedenfalls nicht, wenn man die in der Mathematik
und Logik gültigen Maßstäbe ansetzt. Allerdings ist die
empirische Methode das einzig mögliche Vorgehen, welches im Bereich
der Realwissenschaften zu sinnvollen und belastbaren Ergebnissen und Modellen
führt. Die Behauptung, unter "verschiedenen Paradigmen" wäre solche
Wissenschaft möglich, ist schlichtweg absurd. Es gibt z. B. die
empirisch-naturalistische Astronomie, daneben nur Hohlwelt"theorie" und
Astrologie. Es gibt die empirisch-naturalistische Medizin, Humanbiologie
und Neurobiologie, daneben nur Wunderheilung, Phrenologie und das ganze,
bunte Esoterik-Spektrum. Es gibt die empirisch-naturalistische Chemie und
daneben solchen Unfug wie die Feinstofflehre. Keine einzige der alternativen
Strömungen hat es jemals zu vorweisbaren Erfolgen gebracht; keine hat
erklärungsmächtige und überprüfbare Theorien entwickelt,
fruchtbare Forschungsprogramme und validierte Verfahren für irgend eine
Fragestellung hervor gebracht, geschweige denn einen kontinuierlichen
Erkenntnisfortschritt vorzuweisen. Dasselbe gilt für den Kreationismus
(inklusive "Intelligent Design"). Das statische Schöpfungsparadigma
mit dem florierenden Unternehmen der Evolutionsforschung zu vergleichen,
wäre ungefähr so, als würde man einen Einbaum einem modernen
Flugzeugträger gegenüber stellen. Mit dem Versuch, beide Paradigmen
als methodologisch gleichrangig zu behandeln, wird Wort & Wissen nur
Menschen überzeugen, die sich schon a priori (ohne die
interpretierten Fakten) für Schöpfung und gegen Evolution entschieden
haben.
Zum anderen, weil Naturwissenschaft von Menschen betrieben
wird, die in einem soziokulturellen Kontext stehen, und daher weder wertfrei
noch voraussetzungslos mit den Fakten und ihrer Interpretation umgehen. Auch
der Verweis auf den methodischen Reduktionismus hebt diese Zusammenhänge
nicht auf.
Niemand aber behauptet, empirische Wissenschaft könne voraussetzungsfrei
betrieben werden. Sie ist auch nicht lückenlos und irrtumsfrei - wenn
das so wäre, gäbe es nichts mehr zu erforschen. Würde man
bei W&W eigene Forschung betreiben, wüsste man dies. Aber all dies
kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die naturalistisch-empirische
Methodologie das einzige Verfahren ist, mit dem man die Chance hat,
Fehler zu entdecken und auszumerzen und somit zu den besten und sichersten
Theorien zu gelangen, die es gibt: Die Wissenschaftsgeschichte spricht
diesbezüglich eine deutliche Sprache.
Insbesondere in der Ursprungsfrage sind weltanschaulich
geprägte Vorgaben, in denen die naturwissenschaftliche Praxis eingebettet
ist, unvermeidlich und erweisen sich als motivierende Faktoren in der
Forschung.
Es ist evident, dass W&W hier das eigene Vorgehen auf ihre Gegner projiziert.
Die ET ist entstanden durch Beobachtung der Natur, sie wird an Experimentaldaten
und Beobachtungen gemessen und hat sich daran zu bewähren. Der Kreationismus
entstammt der (willkürlich) wörtlichen Auslegung eines Jahrtausende
alten Offenbarungstextes. Bei Evangelikalen / Fundamentalisten ist Kritik
an diesem Text ebenso unmöglich wie Kritik an dessen Auslegung. Mehr
muss hierzu nicht gesagt werden.
Übrigens: Hemminger hat im Buch auf S.124ff den W&W-Text "Passten
alle Tiere in die Arche Noah?" analysiert als Beispiel für den kruden
Kreationismus, den man bei der Studiengemeinschaft eben auch antrifft, wenn
man nicht nur das "Kritische Lehrbuch" heranzieht (S. 124). Er hat Reinhard
Junker vorgehalten, dass im Text falsche Zahlenangaben und grobe Fehler bei
den Berechnungen gemacht werden. Es ist bemerkenswert, dass er auf diesen
Vorwurf, der immerhin der fachlich massivste im ganzen Buch ist, im Rahmen
seiner Reaktion mit keiner Silbe eingeht.
Schlichtweg peinlich ist der Verweis auf die angeblichen "Schwimmwälder",
mit denen Kurzzeit-Kreationisten krampfhaft versuchen, dem Problem der viel
zu großen Kohlevorkommen für eine junge Erde Herr zu werden. Noch
peinlicher ist die Behauptung, dies fände "starke Stützen in der
aktuellen Fachliteratur" (vgl. Fußnote 16) - die freilich nicht benannt
werden. Letztlich handelt es sich nur um eine populäre
Veröffentlichung von R. Junker. Der Leser mag sich selbst im Rahmen
einer Internet-Recherche davon überzeugen, dass diese "Theorie"
ausschließlich von Kreationisten verbreitet wird, in der Fachwelt wird
sie praktisch nicht vertreten. Junker & Ullrich behaupten, diese Idee
stamme ja gar nicht von Kreationisten - mag sein. Aber das hilft ihnen auch
nichts: Die Äthertheorie stammte auch nicht von Kreationisten - und
sie war trotzdem falsch. Und deshalb wird sie heute nicht mehr vertreten
- genauso wenig wie die Schwimmwaldtheorie (die allerdings im Gegensatz zur
Äthertheorie niemals eine größere Rolle in der Fachdiskussion
gespielt hatte). Wenn W&W ernst genommen werden will, muss man dort Abstand
von solch unseriösen Argumentationsweisen nehmen.
Durch den ganzen Text ziehen sich derartige Vermischungen, Verwechselungen,
Falschinterpretationen wie ein roter Faden. Weitere Beispiele könnten
genannt werden, aber es würden sich immer dieselben Motive wiederholen.
Literatur
Hemminger, H.-J. (2009) Und Gott schuf Darwins Welt - Der Streit um
Kreationismus, Evolution und Intelligentes Design. Brunnen- Verlag, Gießen.
ISBN: 3765514292
Junker, R.; Ullrich, H. (2009) "Und Gott schuf Darwins Welt". Rezension
von Reinhard Junker und Henrik Ullrich.
www.wort-und-wissen.de/info/rezens/b38.pdf
Autor:
Prof. Dr. Andreas
Beyer
© AG EvoBio - Evolution
in Biologie, Kultur und Gesellschaft
Last update:
27.05.09